Die Lauretanische Litanei
Berlin, 21.Februar 2020
Am morgigen Samstag sind es nur noch 33 Tage bis zu dem wichtigsten Marienfest, der Verkündigung des Herrn am 25.März, also der Tag, an welchem wir die Ankündigung der Geburt Jesu durch den Engel Gabriel an Maria feiern.
Die 33-tägige Marienweihe nach dem ‚Goldenen Buch‘ des heiligen Ludwig Maria de Montfort wurde besonders vom heiligen Papst Johannes Paul II. empfohlen.
Zur Vorbereitung dieser Weihe werden schöne Litaneien empfohlen – und am Schluss der 33 Tage auch die Lauretanische Litanei gebetet.
Warum sind Litaneien eine so gute Möglichkeit der Anbetung Jesu?
Dazu will ich einige Gedanken nennen, da Litaneien etwas aus der Mode gekommen sind.
- Vorbemerkung
Als guter Lutheraner hatte ich es lange Zeit nicht so mit den vorformulierten Gebeten. Kurz nach meiner Bekehrung mit süßen fünfundzwanzig Jahren war ich noch jung und knusprig.
Und die Mahnung Jesu aus der Bergpredigt hat es ja in sich: wir sollen „nicht viel plappern wie die Heiden“ (Mt 6,7), so heißt es in der Übersetzung nach Martin Luther.
Fast dreißig Jahre später – und seit 13 Jahren katholisch – bin ich nicht nur ergraut, sondern erfahrener.
Sicher ist: ein von Herzen kommendes Stoßgebet ist allemal wertvoller, nicht nur vor Gott, als jedes noch so kunstvoll gedichtetes Gebet.
Das Wort Litanei ist buchstäblich zum Schimpfwort verkommen. Im Duden ist unter dem Stichwort Litanei zu lesen: „langatmige, monotone Aufzählung von etwas“ und „immer wieder vorgebrachte Ermahnung, Klage o. Ä.“[1].
Wer allerdings viel betet und dabei vielleicht noch das Stundengebt morgens und abends einhält, wird leicht erkennen: niemand hat so einen großen Vorrat an Worten, dass diese immer so recht von Herzen, vollkommen spontan, nur so hervorsprudeln.
Selbst den Frauen gelingt dies nicht, obwohl sie rein statistisch doppelt so viele Worte am Tag hervorbringen.[2]
- Lex orandi = Lex credendi
Jeder, der betet, weiß, dass es häufig um kleine oder große Hilfeschreie geht, z.B. um einen Sitzplatz im Bus; das ist richtig banal, aber nicht selten.
Ich selbst mache z.B. ein Kreuzzeichen vor dem Betreten von Läden, wenn etwas Wichtiges kaufen will, einfach um Gott gnädig zu stimmen.
Natürlich: ist Gott ungnädig, wenn ich das Kreuzzeichen vergesse? Ist es nicht lächerlich, um einen Sitzplatz zu beten, während gerade irgendwo ein Erdbeben stattfindet?
Das Gesetz des Betens (Lex orandi) ist zugleich das Gesetz des Glaubens (Lex credendi) – was natürlich auch umgekehrt gilt.
Nur wenn ich ein Anliegen sozusagen theologisch vertreten kann, kann ich dafür beten.
Und so kann es z.B. durchaus sein, dass so ein leicht zwanghafter Mensch wie ich, der ohnehin zu Regeln und Gewohnheiten neigt, eher seinen Unglauben in einem Zuviel an Worten – „Plappern wie die Heiden“ – ausdrückt.
Wer glaubt, dass Gebetsworte eine Art Schutzzauber sind, die uns unbedingt vor jeder Unbill des Lebens bewahren, irrt gewaltig.
Ich glaube: es ist gut an dieser Stelle innezuhalten, sich zu prüfen, aber nicht allzu sehr zu grübeln!
Denn nach meiner Meinung schaden Gebete wirklich nicht, wenn sie auch leicht ermüden können, denn im Ritual alleine liegt kein Segen!
Wie kann also so ein stark ritualisiertes Gebet wie die Lauretanische Litanei außerordentlich viel Freude machen?
- Das Vorbild der Heiligen
Leider habe ich nicht ‚Katholische Theologie‘ studiert und so weiß ich nichts darüber, seit wann es Litaneien gibt und vor allen Dingen warum.
Ich weiß: es gibt einen ganzen Haufen davon, die wohl vor allen Dingen aus dem Mönchtum entstanden sein werden.
Mit anderen Worten: es kann uns Ansporn sein, andere fromme Menschen nachzuahmen.
- Die Lauretanische Litanei: mit der Löffelspitze des Geistes den frommen Gedanken erfassen und sich von Gott in den Himmel versetzen lassen
Nachdem ich die 33-tägige Marienweihe mehrmals geübt habe, dachte ich mir: wo ist der Knackpunkt dieses scheinbar so eintönigen Gebetes?
Sicher: alle Anrufungen Mariens sind super schön und vollkommen richtig und in keiner Weise in Frage zu stellen.
Aber warum so lange und hintereinander und dann noch mit Zwischenanrufungen?
Wir können die Lauretanische Litanei nur als reinste Anbetung verstehen, nur dann werden wir glücklich!
Und wie ist es vor Gott am schönsten? Wenn es unkompliziert ist!
Hier ist geht es wirklich nicht um viele Worte, sondern um das Sein in Gott, das Verweilen in Gott in der Anbetung!
Also: wir sprechen die Litanei kurz und knackig! Betont, aber nicht fahrig! Schnell, aber nicht hastig!
Wir nehmen die Anrufungen Mariens wie kleine Liebesperlen, die sofort verdaut werden – und über die wir gerade nicht nachdenken!
Bei den Litaneien kommt es m.E. gerade nicht auf das Verweilen und Bedenken der einzelnen Bilder an, sondern auf das kurze Innehalten im Geist – und dann sofort das Verkosten!
Ah, in der Lauretanischen Litanei geht es nämlich auch um uns, denn was Gott Maria an Kosenamen schenkte, das bereitet er auch uns!
Wir sind also quasi schon im Himmel, wenn wir uns an die Hand Gottes nehmen lassen – und bei jeder Anrufung den Tropfen Honig göttlicher Verheißungen in uns aufnehmen!
Also, nicht jeweils ein Brötchen mit Akazienhonig und ein anderes mit dem von Linden und ein drittes mit dem von Fichten bestreichen und essen wollen, nein, das ist geistliche Völlerei.[3]
Wir nehmen quasi einen Hauch, einen Tropfen, ganz kurz in uns auf, und kosten dadurch die Fülle des gewaltigen himmlischen Schatzes!
Ja, das ist auch ein Teil des Lex credendi: wir können niemals alles verstehen – weder was im Himmel und noch was auf Erden ist.
Vielleicht verstehe ich, was ein Sitzplatz im Bus bedeutet: aber verstehe ich, was Gott Maria im Himmel geschenkt hat? Verstehe ich, was es bedeutet, wenn Maria im Himmel gekrönt wurde?
Die scheinbar so spröden und rational wirkenden Anrufungen in den verschiedensten Litaneien führen, so meine ich, zur Mystik.
So wie jede gute Theologie von sich selbst auf Gott verweist und nicht nur scheinbar lebensklug Anleitungen zur Weltverbesserung gibt!
Also keusch und züchtig die Anrufungen sprechen, kurz einwirken lassen – und Freude!
Am besten verstehen wir, wenn wir die Komplet auf Latein auf uns wirken lassen: in der Gemeinschaft entfaltet dieses Gebet seine Kraft im disziplinierten Hören auf den Anderen und dadurch im Zurücknehmen eigener Kraft.
[1] https://www.duden.de/rechtschreibung/Litanei
[2] https://www.phase-6.de/magazin/rubriken/fakten-der-sprache/ein-mann-ein-wort-eine-frau-ein-woerterbuch/
