Wie ich Corona überlebe
Berlin, 27.Juni 2020
Zunächst einmal sei eines ganz glasklar und für immer gesagt: wie die FAZ meint, gibt es eigentlich kein ‚Homeoffice‘, jedenfalls nicht als Begriff.[1]
Das ist so ein typisches Denglisch wie Handy und so. Typisch Deutsch halt: da haben wir die beste Sprache der Welt, aber es muss halt noch ein bisschen besser sein – andere Völker lachen über uns, bis der Arzt kommt.
Eigentlich kenne ich Homeoffice von früher. Als Student von zu Hause aus Seminararbeiten erledigen – na klar. Und den Grundwortschatz Latein lernen – waren das nicht 3000[2] Vokabeln?
Aber im echten Berufsleben? Es ging Holter die Polter, quasi über Nacht: Angela Merkel sollte am Abend eine Pressekonferenz halten, es war Mittwoch, der 25.März 2020.
- Die sieben Sachen gepackt – ab nach Hause
Fast alle waren schon im Feierabend. Ich ganz alleine war noch da – und ein netter Kollege mit Migrationshintergrund, wie man heute professionell zu allen sagt, die eigentlich typisch Deutsch sind, aber nicht ganz in Deutschland geboren.
Naja, klar war: wird der öffentliche Nahverkehr eingestellt, kommen wir nicht mehr zur Arbeit in den Wilden Osten, also dahin, wo früher die Russen ihre Flieger starteten und Fakenews via ‚Aktuelle Kamera‘ in die Welt gefunkt wurde.
Klar war: mein phantastischer 3D-Fernseher mit 42 Zoll (107cm Bildschirmdiagonale!) ist nicht einsatzbereit, weil zu groß und zu schön.
Die Internet-Remote-Verbindung ist standardmäßig genormt – und will nur 26‘‘. Tja, Frage an ‚Radio Eriwan‘ – der Spezialist für das Verständnis des Wilden Ostens: „Wie arbeiten, wenn West-Hightech den Trabant will?“ Antwort von Radio Eriwan: „Musst du 26 Zoll klauen…“
Naja, der nette junge Mann aus Fernost mit besagtem Migrationsvordergrund – wie Boris Palmer neulich bemerkte – half mir, wenigstens No.2 von zwei Bildschirmen abzubauen. Denn in letzter Sekunde – es war schon Feierabend – schaltete sich aus Frankfurt der höchste Bigboss ein und gab für das Abmontieren sein ganz persönliches Big-Boss-OK.
Ich also meinen Wintermantel genommen und den Bildschirm eingewickelt: Gott sei Dank war es ein milder Märznachmittag – und Gott sei Dank regnete es nicht.
Ja, die Tasche, die für die leichte Bildschirmtastatur geeignet ist, hielt bis zum bitteren Ende. Und ich durfte wirklich arbeiten, ja, ich durfte.
Es gibt ja doch noch so richtig einsichtige und nette Big Bosse, nicht wahr? Ein Mitarbeiter darf arbeiten: Halleluja, oder so…
Während der bürokratische Wasserkopf einer Rumpfeinheit von zwanzig Lohnsklaven, aber zwei Teamleitern samt Personalchefin sowie IT-Fachkraft gar nichts hinbekommen, und das zehn Tage lang, bis, ja bis der Freie Westen aus Frankfurt das OK gibt…
- Corona-Blues: gegen den Wahnsinn singen
Eine gewisse Regression in das Kleinkindalter lässt sich nicht wirklich leugnen. Wer lange unbeobachtet ist, also quasi ohne soziale Aufsicht, der lebt unbewusst irgendwie einfacher. Also, nicht unrasiert und fern der Heimat. Nein, rasiert und gerade erdverbunden.
Aber irgendwie ungeniert. Als alleinstehender älterer Mitbürger von 54-Plus bin ich es gewohnt, mit mir selbst zu reden, aber jetzt ist auch noch das Singen hinzugekommen.
Und dann die ewigen Gassenhauer: ‚Clap the hands – and shake your feets‘. Geht’s noch? Vollkommen sinnfrei.
Und doch helfen die Tonlagen irgendwie, die Unfähigkeit zu überspielen, an lebenswichtige Informationen zu kommen, die gerade im kerosinverseuchten ehemaligen Fluggelände im Wilden Osten in einem verschlossenen Schreibtisch harren.
Oder im Gehirn meines schon erwähnten Lieblingskollegen mit genetischen Überbleibseln aus Asien (endlich mal eine echte Information, gell?).
Also Singen gegen Corona-Gaga: passt so gut, wie der geklaute Bildschirm zum offiziellen Homeoffice.
- Halluzinationen von aufheulenden Flammenwerfern
Nichts gegen Kinder, wirklich, rein gar nichts. Einen davon nenne ich mein eigen Fleisch und Blut. Aber manchmal oder manchmal mehrmals, naja.
Vor gut zehn Jahren habe ich drei Jahre lang Zeitung ausgetragen: tief in der Nacht, himmlische Ruhe.
Und dann war Schluss mit lustig: im Frühling entdeckten die Herren und Damen, dass es die Möglichkeit für Kinder gibt, die man durchaus aktiv ins Leben rufen kann…
Ich hätte sie alle standrechtlich erschießen können: einen nach dem anderen, echt.
Nur Menschenkinder sind noch nervtötender. Also, gegenüber, nichts gegen Kindergartenstätten, also gegenüber, da haben sie ein Nest.
Und dürfen so ab neun Uhr nach draußen: gleich gegenüber von meiner Hochparterre-1-Zimmer-Wohnung, genau gegenüber, will sagen: gefühlt zwei Zentimeter.
Mehrmals dachte ich mir: des Nachts mit den Flammen das Unterholz entlauben – und wenn die Botschaft noch nicht verstanden wurde, eine Nachlese etwas später…
Nein, wer redet jetzt von verschreckten Kindern: ich rede von liebenswerten Homeoffice-Geschädigten, die ein Anrecht auf acht Stunden Frischluft haben – ohne Lärmpegel von Rotzlöffeln.
- Die lieben Nachbarn
Womit wir bei einem meiner Lieblingsthemen wären. Ich wohne wie ein Jägersmann höher gelegt, also High Ground Floor (so viel Denglisch muss sein; für die Ungebildeten: Hochparterre). Mit freier Sicht auf die Mülltonnen. Und da hört und vor allen Dingen sieht man so Einiges.
Unter meiner Küche führt der Weg zu eben diesen: und Punkt 8 Uhr morgens höre ich das erste Donnern von einer Dame, die ich gerne mal rückwärts naschen möchte – und um sie gerne in die Biotonne zu tauchen – wegen dem Hoftürschlagen.
Da gibt es nämlich mindestes drei Spezialisten: das genannte Häslein, ihren glatzköpfigen Freund und einen Herrn mit Locke hinten, also oben eher nicht, dafür hinten.
Ja, Fahndungsfotos mit Überführungs-Videos gehen schon wöchentlich an das Ordnungsamt: Lärmstörung und so. Leider knallen die Türen nicht vor acht Uhr, leider. Na, ansonsten gleich das SEK auf sie losgelassen – und meinen Geranienblumenkasten zur vorläufigen Vollstreckung auf sie losgehetzt… Au warte, jetzt schon wieder meine Halluzinationen, dann doch liebe gleich die Stalinorgel.
- Mikroaggressionen: Fußstampfen
Noch mehr über den täglichen Wahnsinn? Eigentlich ist hier im reichen Berliner Südwesten alles voll prima, besonders die DSL-Standleitung.
Ich zahle nur für die 6.000-Leitung, bekomme trotzdem satte 54.000 (nicht weitersagen). Über meinen Nabel zur Welt, das Netzwerkkabel.
Aber mein netter Arbeitgeber hinkt so ein kleines bisschen Bisschen. Im Konzern weiß das jeder.
Was also tun, wenn das Hauptprogramm noch langsamer ist, als die Polizei erlaubt?
Aggressionen müssen abgebaut werden: Intrigen gegen Kollegen und Kolläjän (ja, Ossis haben wir auch, Wilder Osten, sage ich doch) gehen virtuell schlecht und hinterlassen bekanntlich digitale Fußabdrücke.
Wohin also mit dem Stöhnen? Der Nachbar über mir denkt ja schon, ich wäre hauptberuflich im horizontalen Gewerbe unterwegs.
Bleibt das Füße stampfen, oder doch nicht? Auch das hat ungeahnte Folgen: meine nette Nachbarin um mich herum (mein 1-Zimmer-Appartment ist aus ihrer Wohnung praktisch ausgegliedert: Berlin ist halt arm und erfindungsreich!) meinte neulich, meine Motten seien wohl doch noch nicht alle erschlagen…
- Apropos Untermieter
Ich hatte sie wirklich: Motten. So geschätzt dreihundert, in meinen achtzehn Mottenfallen insgesamt mindestens zweihundert. Nur in der Küche: acht (8!) Quadratmeter.
Es waren wohl solche, die eingewandert waren: also migrationstechnisch so genannte Erdeulen aus dem begrünten und biotechnisch stark strapazierten Hinterhof.
War mir vor fünf Jahren schon mal aufgefallen: viele Motten in den Fallen, aber kein Fraß an den Kleidern, deshalb machte ich mir nichts daraus.
Dann die Katastrophe: drei Wochen lang nur in der Küche (wirklich!) laut Zählstatistik händisch (Denglisch!) 15 Motten erschlagen (ohne die Fallen mitzuzählen): täglich, daily!
Und woher kam die Mottenpandemie? Ich dachte: aus meinen 18 Blumentöpfen. Nein, leider nein.
Sie kam aus dem Nichts, nämlich aus zwei Löchern mit Holzwolle hinter dem Heizkörper. Unwahrscheinlicher Ort, noch nie gesehen. Erst im letzten Moment ertastet.
Und in meinem Zimmer wieder: an gleicher Stelle die Möglichkeit, das Grauen im Schlafzimmer zu haben…Denn an gleicher Stelle wieder die beiden Löcher mit der Holzwolle.
Womit wir wieder bei den Nachbarn und dem Flammenwerfer wären: wäre die Welt nicht irgendwie übersichtlicher, wenn hofseitig nicht das pralle Öko-Leben tobte? Ein bisschen mehr Beton, ein bisschen mehr Frieden…
Sage ich doch: warum hört niemand auf mich?
- Sonne, Sonne und ein Blick auf das Thermometer
Vom wilden, dann aber doch gebändigten Tierleben sprach ich ja soeben. Wer morgens zur Arbeit geht und morgens kommt, der freut sich nicht auf die warme Bude, aber lüftet halt.
Wie aber überleben bei dreißig Grad? Wirklich: der höchste je gemessene Wert: 30 Grad Celsius.
Jeden Sommer, jeden. Mehrere Wochen lang.
Also, vor dem kleinen 26-Zoller sitzen und schwitzen ohne Ende: dann bleibt ja nur noch ein Fettfleck, oder?
Ja, das gehört auch zum Corona-Homeoffice-Feeling: lernen, mithalten und aufrüsten!
Hier hilft leider kein Flammenwerfer, oder doch?
Der Hochsommer kommt, und die Temperaturen steigen. Noch kühlt alles entsprechend ab – dank meiner Tausend Hamster in meiner eigenen Belüftungsradanlage (Geheimtipp: nicht verraten!).
Nun, es droht die Hausverwaltung damit, während der höchsten Temperaturen die Fugen direkt vor meinem Hochsitz zu säubern. Also nix mit natürlicher Kühlung.
In drei Wochen soll der erste Ventilator meines Lebens – Testsieger ‚Stiftung Warentest‘ – kommen: aber was, wenn ich nicht mehr lebe?
[1] https://www.faz.net/aktuell/stil/trends-nischen/anglizismus-das-wort-home-office-wird-nur-im-deutschen-gebraucht-16727926.html
[2] Langenscheidt schreibt 8000, aber ich brauchte damals nur eine Auswahl lernen: https://www.langenscheidt.com/latein/selbstlernen-wortschatz/langenscheidt-grund-und-aufbauwortschatz-latein-kartoniert#s-pdp__details__headline–anchor

Ein Gedanke zu “My Personal Gaganess of Homeoffice”