Ein großer Grund zur Dankbarkeit
Berlin, 3. Oktober 2020
Als eingeborener Berliner, sozusagen als ehemaliger Westberliner Ureinwohner, muss ich einfach sagen: ich danke Gott von Herzen für den Fall der Mauer, ohne jedes Wenn noch Aber!
Denn hätte Gott den miesen Spruch Erich Honeckers drei Monate vor dem Fall der Mauer, wonach weder Ochs noch Esel den Sozialismus in seinem Lauf aufhalten[1], nicht Lügen gestraft, wäre ich vielleicht immer noch ein gottferner getaufter Heide.
Denn damals war ich im freien Westberlin ein Anhänger des wissenschaftlichen Materialismus, also ein Kommunist.
Als Mauer fiel, schlief ich. Als ich damals meine Mitschüler in der Abendschule traf, sprachen sie von der Öffnung der Grenzen. Ich glaubte es nicht. Dann kam ich am U-Bahnhof Zoologischer Garten vorbei, damals die Herzmitte des alten Westberlin. Überall nur Menschen. „Wahnsinn“ war damals das geflügelte Wort. Einfach nur Wahnsinn, wie über Nacht die grausame Mauer, die eine Vier-Millionen-Stadt in zwei Hälften teilte, wie durch Zauberhand in tausend Stücke zerfiel. Genauer in abertausend Splitter, durch die Krafteinwirkung so genannter Mauerspechte.
„Wahnsinn“ wie es möglich gewesen war, über vier lange Jahrzehnte ein ganzes Volk in fast zwei gleich große Hälften zu teilen: ungezählte Familien zerrissen.
„Wahnsinn“ wie das alles nur durch die gewaltige Angst vor Atomwaffen möglich war, die auf beiden Seiten der Blöcke aufgetürmt waren.
„Wahnsinn“ auch, weil es letztlich keine eigentliche Gegenwehr gab, die dem Wahnsinn Einhalt gebieten wollte.
Einzig Helmut Kohl war es. Man mag über ihn sagen, was man will: ein Fels in der Brandung. Daran hat vollkommen zu Recht Georg Paul Hefty in der FAZ von gestern erinnert.[2] Es war damals ein Hauch dünner Sieg geschichtlicher Gerechtigkeit, denn Kohl sollte eigentlich gestürzt werden, von seiner eigenen Partei.
Es war, als würde Gott sagen: mit meinem kleinen Finger zerbreche ich, was gewaltige Menschenmassen in vierzig Jahren erschaffen haben.
Wir Deutschen müssen dankbar sein – mindestens dann, wenn wir Christen sind. Denn der Patriotismus ist Heimatliebe.
Und Heimatliebe gehört letztlich zum vierten Gebot.
Der Katechismus der Katholischen Kirche lehrt uns: „Das vierte Gebot Gottes befiehlt uns auch, all jene zu ehren, die von Gott zu unserem Wohl ein öffentliches Amt in der Gesellschaft erhalten haben.“(2234)[3]
Und: „Die Heimatliebe und der Einsatz für das Vaterland sind Dankespflichten und entsprechen der Ordnung der Liebe.“(2239)
Das ist kernig und wahr und eine von Ratzingers meisterhaften Formulierungen.
Und doch: Friede, Freude und Eierkuchen herrscht mitnichten. Einige Wehrmutstropfen müssen sein, gerade auch als eingeborener Westberliner.
- Zusammenbruch des Kommunismus? Nicht ganz!
Damals sprachen wir alle so ganz selbstverständlich vom Ende des kommunistischen Totalitarismus. Kuba und China würden folgen, so war die allgemeine Erwartung.
Kubas Sozialismus lebt: warum eigentlich?
Und China? Fast rassistisch hieß es immer ‚Made in China‘ – und wir alle dachten, an eine kleine Made, die aus China kommt.
Sprichwörtlich wie der Sack Reis, der in China umfällt, völlig gleichgültig ist.
Der totalitäre Überwachungsstaat China ist brutale Wirklichkeit. Ende Januar 2020 waren es 43 Millionen Menschen in und um Wuhan, die über Nacht von der Außenwelt abgeschnitten waren.[4]
Und mit der praktisch feindlichen Übernahme von Hongkong durch das neue Sicherheitsgesetz[5] in eben diesem Corona-Jahr, wenn wir westlichen Europäer schwer mit den wirtschaftlichen Folgen kämpfen, zeigt Rotchina seine ungeheure Kraft.
Die Wahrheit ist also: es gab nicht den Zusammenbruch des Kommunismus als Weltanschauung, sondern allein den Zerfall eines großen Machtblockes innerhalb der Pax Americana.
- Zusammenbruch der Pax Americana
Selbstverständlich dachten die meisten Westler, wie auch ich, dass Coca-Cola und McDonalds gewonnen hätten.
Mitnichten. Auf die kluge Entscheidung des Westens, die Einheit Deutschland zu bejahen, folgten viele Fehlentscheidungen, die den Aufstieg Chinas begünstigen mussten.
Besonders der Katastrophe des zweiten Golfkrieges im Irak folgten viele Fehlentscheidungen, die die Schuldenbilanz der USA gewaltig in die Höhe trieben.
Die höchsten Bargeldreserven der Weltleitwährung namens Dollar ruhen in rotchinesischen Tresoren.[6]
Der derzeitige Machtkampf zwischen zwei wirklich alten weißen Männern in den USA, Trump und Biden, zeigt an, dass die Neue Welt des Westens wirklich in die Jahre gekommen ist.
Und dringend der Erneuerung bedarf.
- Mein Berlin: ein Trauerspiel ohne Gleichen
Mein Berlin kommt nicht auf die Beine. Die Statistik sagt, dass 20 Prozent der Berliner von Armut bedroht sind.[7]
Was Zweiter Weltkrieg, Berlin-Blockade und Mauerbau nicht vermochten, schafft der furchtbare demografische Wandel, also die Vergreisung Deutschlands.
Weil es keine Kinder gibt, gibt es keinen Grund zu investieren. Und beim gesellschaftlichen Stillstand werden alle ärmer, denn mit dem Eintritt ins Rentenalter haben die Menschen nicht mehr in der Tasche, sondern weniger.
Berlin ist „arm, aber sexy“ sprach ein taktierender Zauderer[8], der genau wusste: kurbelt er die Wirtschaft an, dann kommt in seinen Machtbereich eine Klientel, die ihn abwählen würde.
Ist es also nicht reine Unfähigkeit, wenn die Berliner Politik so furchtbar gedankenlos vor sich hindümpelt?
Sondern ist es etwa klares machttaktisches Kalkül, damit alles so bleibt, wie es ist?
Berlin ist die Hauptstadt Deutschlands, in der vor mehr als 80 Jahren der furchtbarste Krieg aller Zeiten angezettelt wurde. Wenn also die Hauptstadt Deutschlands als Einzigste unter den europäischen Regierungssitzen so blamabel da steht: kann es nicht Gottes Eingreifen sein?
Jesus war Jude und die Endlösung wurde in Berlin-Wannsee beschlossen. Dem beispiellosen Aufstieg Israels korrespondiert in gleicher Weise der Abstieg Berlins.
[1] https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/-den-sozialismus-in-seinem-lauf–468918 : Erich H. am 15.August 1989.
[2] https://www.faz.net/2.1652/helmut-kohls-verdienst-unaufhaltsam-zur-einheit-16981553.html
[3] http://www.vatican.va/archive/DEU0035/_P83.HTM
[4] https://www.volksstimme.de/deutschland-welt/ausland/lungenkrankheit-china-schottet-43-millionen-menschen-ab
[5] https://www.tagesschau.de/ausland/hongkong-sicherheitsgesetz-113.html
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Devisenreserven
[7] https://www.tagesspiegel.de/berlin/sozialbericht-2019-jeder-fuenfte-berliner-von-armut-bedroht-risiko-in-neukoelln-am-groessten/25595248.html
