McCarrick-Report: Monster-Kardinal und ein heldenhafter Priester
Berlin, 12.November 2020
Kurz bevor ich katholisch wurde, waren einige protestantische Glaubensgeschwister in Sorgen um mein Seelenheil, denn sie meinten, die katholische Weltkirche sei in der Hand Homosexueller.
Und da ich genau wegen der Segnung Homosexueller, welche in der Evangelischen Kirche Deutschlands seit mehr als zwanzig Jahren stattfinden darf[1], übergetreten bin, war ich doch in Sorge.
Nun, dank der Kardinäle Bengsch und Meisner gibt es im Erzbistum keinen bekennenden Homosexuellen und auch niemanden, von dem ich es vermute: Gott sei Dank!
Da ist der McCarrick-Report wirklich eine Räuberpistole sondergleichen: atemberaubend und widerwärtig – wer nur ein bisschen Englisch kann, sollte mal einfach so anfangen. Ich habe auch nicht alles gelesen, aber doch hier und da ein bisschen gegraben und verglichen. resources_rapporto-card-mccarrick_20201110_en
Besonders die Bemerkungen von ‚Priester 4‘ haben es in sich, auf welche ich weiter unten näher eingehen möchte.
Wir sprechen hier von einem Schwerstkriminellen: Kinderschändung, Amtsmissbrauch, Vertuschung von Straftaten, Sakrilegien und Lügen ohne Ende. McCarrick hat unser Gebet verdient. Noch mehr hat allerdings unsere römische Weltkirche Gebet verdient, denn hier stinkt es nicht weniger zum Himmel.
- Zeitpunkt der Veröffentlichung
Staatssekretär Parolin meint, der McCarrick-Report läge seit Februar diesen Jahres vor.[2] Ein Grund für die verspätete Veröffentlichung wird nicht genannt. Es geht immerhin um neun lange Monate, in denen die Glaubwürdigkeit des Heiligen Stuhles gelitten hat.
Nicht umsonst ist nächste Woche der Beginn der Herbsttagung der US-amerikanischen Bischöfe. Und nicht umsonst ist genau jetzt die Weihnachtsspenden-Sammlung der US-Kirche, die natürlich von diesem ganzen Medienspektakel nicht unbeeinflusst sein wird.
Will der Vatikan offene Rechnungen begleichen?
- Leere Blätter im Report
Unangenehm fällt auch auf, wie viele weiße Blätter die PDF aufzuweisen hat. Wir reden hier von der römisch-katholischen Weltkirche. Und wir reden hier wohl einem Azubi, der den Report dokumentenecht gescant hat und diesen Scan als PDF online anbietet. Natürlich nur auf Englisch.
Dummerweise weicht die Zählweise der PDF-Datei um zwölf Seiten von der Zählweise des gescanten Reports ab, also ist z.B. die PDF-Seite 452 gleich der Seite 440 des Reports. Eine der Idiotien nur so am Rande.
Und es macht die Arbeit mit dem Report schwierig: oder soll gar nicht damit gearbeitet werden? Ist es, wie all die vielen Statements der vielen US-Bischöfe rundum McCarrick nur ein reines Lippenbekenntnis – nach dem Motto ‚Report in Englisch, also nur US-amerikanische Leser‘?
- Fehlende Analyse
Im Report fällt auf, dass eine Analyse weitgehend unterlassen wird. Es gibt erläuternde und wertende Bemerkungen allerdings nur, wenn sowohl Erzbischof Viganò angegriffen und der Heilige Vater verteidigt wird.
Die Tatsache, dass McCarrick praktisch die höchsten Höhen der US-Hierarchie in einem beispiellosen March of Disaster unangefochten erklimmen konnte, macht nachdenklich: niemand hat ihn aufgehalten – warum nicht?
Warum haben die Bischöfe reihenweise versagt, angefangen von dem Nachfolger von McCarrick in der Diözese Metuchen?
- Homosexualität: ein Fremdwort
Weder im Report noch in den Statementes von VaticanNews-Chefredakteuer Andrea Tornielli[3] sowie von Staatssekretär Kardinal Parolin[4] wird die Homosexualität von McCarrick benannt.
Irrt sich der Völkerapostel, wenn er termini technici von homosexualen Handlungen mit Minderjährigen ‚Lustknabe‘ und ‚Knabenschänder‘ nennt?[5]
Es fällt so unangenehm auf, wenn Andrea Tornielli schreibt: „Ein zweites Element berührt die Tatsache, dass bis zum Jahr 2017 keine detaillierten Anschuldigungen über von McCarrick begangene Missbrauchstaten an Minderjährigen vorlagen.“[6]
Nun, so ganz ist das wohl nicht die ganze reine Wahrheit: vielleicht sollte Andrea Tornielli mal die Schilderungen von ‚Mother 1‘ lesen; es handelt sich um die PDF-Seiten 51-59. Hier schildert eine katholische Mutter, wie McCarrick seine Hände in den Intimbereich ihrer beiden Söhne legte – im Wohnzimmer der Familie. Das macht irgendwie sprachlos: hat Herr Tornielli den Report gar nicht gelesen?
Und soll genau Torniellis Bemerkung bedeuten, dass gelebte Homosexualität mit Erwachsenen zwar nicht so schön ist, aber dennoch ganz OK, weil keine Kinder geschändet werden?
Ist gelebte Homosexualität also doch keine Todsünde, schon gar nicht, wenn sie von dem höchstrangigen US-Kardinal begangen wurde, der zugleich Erzbischof des Regierungssitzes der Vereinigten Staaten, Washington, ist?
Wie lange ist es jetzt her, dass unser Heiliger Vater in den Medien reüssierte, weil er sich gegen die ganze katholische Tradition für gleichgeschlechtliche Partnerschaften einsetzte?[7] Drei Wochen?
- Warum es sich unbedingt lohnt, den Report zu lesen: Priest 4
Atemberaubend und geradezu höllisch ist, was dem so genannten Priest4 widerfahren ist. Zu lesen ist es auf den PDF-Seiten 80-87.
Dieser Priester ist stark. Er rebelliert gegen das zutiefst schamlose Verhalten McCarrick’s und dann…
Und dann beginnt das Unsagbare, das eigentliche Verbrechen, das Sakrileg. Er klagt McCarrick seiner Fehlungen an – gegenüber seinem direkten Vorgesetzen, Monsignor Gambino, dem Leiter des Priesterseminars.
Und der wiederum stellt ihn vor die Wahl: „counseling“, was wohl ‚Beratung‘ sein soll oder Rauswurf aus dem Seminar.
Nun, er wurde von Father Zogby ‚beraten‘, der ihm die Beichte abnahm und dann versuchte, ihn zu umarmen, um ihn zu küssen – und dann wollte er den Unterleib packen („grabbed his crotch“).
Mit einem Wort: er war in den Fängen von Perversen gelandet, einer schlimmer als der andere. Und eine Entheiligung nach der anderen. Der arme Priest4 war in einen ‚homosexuellen Club‘ geraten, wie es Benedikt XVI in seinem Brief vom März letzten Jahres beschrieben hat: „In verschiedenen Priesterseminaren bildeten sich homosexuelle Clubs, die mehr oder weniger offen agierten und das Klima in den Seminaren deutlich veränderten.“[8]
Was soll ein Priester machen, wenn seine Vorgesetzen nicht nur Erwachsene schänden, sondern das Allerheiligste entweihen?
Wie stark muss sein Glaube sein, wenn er hier nicht zerbricht?
Und er hat noch mehr Mut: Priest4 spricht mit dem Nachfolger von McCarrick; es ist Bischof Hughes.
Und was macht dieser Nachfolger der Apostel? Er lässt die Aussagen von Priest4 einfach unter den Tisch fallen – er nennt sie einfach nicht. Und genau das stellt der Vatikan auf der PDF-Seite 167 in Fußnote 545 ebenfalls fest: „Bishop Hughes’ letter nowhere mentioned Priest 3’s or Priest 4’s direct accusations of sexual misconduct against McCarrick.“
‚Nowhere‘ – nirgends – hat es der Oberhirte der Diözese Metuchen nötig, die heldenhaften Aussagen von Priest4 zu nennen.
Und jetzt, so ist zu fragen: gibt es ein Verfahren des Vatikans gegen Bischof Hughes und gegen Monsignore Gambino und gegen Father Zogby?
- „Ein Heiliger ist schuld“[9]
Damit meinte der FAZ-Korrespondent aus Rom, Matthias Rüb, die eigenartige Art und Weise, alle ganz schön schlecht aussehen zu lassen: nur der amtierende Heilige Vater selbst – kommt, sieht und siegt.
Der andere Heilige Vater, der echte Heilige namens Johannes Paul II kommt nicht so gut, übersieht die Missstände und verdirbt quasi alles.
Ein kanonischer Heiliger, also einer, dessen jahrzehntelanges Leben vor aller Welt liegt, ist der Sündenbock – nur einer hat eine so genannte Weiße Weste: Franziskus selbst?
- Fazit: der Fisch stinkt vom Kopf
Der McCarrick-Report ist gut und wichtig und lesenswert.
Und er wird doch kirchenpolitisch so dumm und falsch und erbarmungswürdig präsentiert, wie der katholische Weltkirche gerade ist.
Die US-Amerikaner haben jetzt ihre Riesendiskussion. Und die Polen gleich mit.
Und der Vatikan hat einen weißgewaschenen Heiligen Vater. Au warte. Darüber kann sich niemand freuen. Ich jedenfalls nicht.
Im derzeitigen Pontifikat gilt, dass immer nur die Anderen Buße zu tun haben. So ruft der Chefredakteur Andrea Tornielli dazu auf: „Diese Wunde braucht, um zu verheilen, Demut und Buße, verbunden mit der Bitte an Gott um Vergebung und um die Kraft, sich wieder aufzurichten.“[10]
Und Staatssekretär Parolin wünscht sich ebenfalls: „eine Umkehr der Herzen“[11].
Hört der Trump der katholischen Weltkirche vielleicht auf den Namen Franziskus?
[1] https://www.ekd.de/spannungen_1996_homo.html
[2] https://de.catholicnewsagency.com/story/vatikan-veroffentlicht-mccarrick-report-7261
[3] https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2020-11/mccarrick-bericht-vatikan-vigano-missbrauch-usa-untersuchung.html
[4] https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2020-11/kardinal-parolin-bericht-mccarrick-usa-statement-untersuchung-va.html
[5] Vgl. I Kor 6,9.
[6] https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2020-11/mccarrick-bericht-vatikan-vigano-missbrauch-usa-untersuchung.html
[7] https://www.katholisch.de/artikel/27313-franziskus-fuer-lebenspartnerschaft-ein-neues-kapitel-in-der-kirche
[8] https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2019-04/papst-benedikt-xvi-wortlaut-aufsatz-missbrauch-theologie.html
[9] Printausgabe der FAZ vom 11.11.20, S.6.
[10] https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2020-11/mccarrick-bericht-vatikan-vigano-missbrauch-usa-untersuchung.html
[11] https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2020-11/kardinal-parolin-bericht-mccarrick-usa-statement-untersuchung-va.html
