Einige Bemerkungen zu zwei seiner Aufsätze
Berlin, 14.November 2020
- Persönliche Vorbemerkung
Leider habe ich nicht ‚Katholische Theologie‘ studiert, sondern nur ein Diplom in ‚Evangelische Theologie‘. Mein Steckenpferd war immer die Zeit der Reformation, natürlich mit dem Trienter Konzil. Dennoch spiegelt sich in den theologischen Auseinandersetzungen, die ich kurz nach der Wende 1989 an der Humboldt-Universität erlebte, nicht wenig wider, was vielleicht heutzutage von Belang ist.
Es ist die Sicht eines am Rand Stehenden, der vielleicht, weil der Stallgeruch fehlt, einen besseren Riecher hat, auf das, was schiefläuft.
Und es läuft so Einiges schief.
Seit diesem schrecklichen Corona-Ostern 2020 ohne öffentliche Gottesdienste und damit ohne die beständige Kraftquelle der Eucharistie, stehen wir nun vor dem zweithöchsten Christenfest: Weihnachten.
Während uns alle der Corona-Virus vor Ostern überraschte und damit viele kirchliche Maßnahmen entschuldigten, haben wir jetzt ein halbes Jahr der Pandemie mit ihren Erfahrungen hinter uns.
Und der Heilige Stuhl setzte schon seit Ende Oktober die nächsten Eucharistie-Feiern für Weihnachten öffentlichkeitswirksam aus:[1] es soll nur einen Online-Jesus ohne sakramentale Gnade geben, einen Jesus also, der quasi aller Gnadenkraft beraubt ist. Das Brot der Engel als digitalen Zombie: wie im Protestantismus.
Wenn diejenigen, die nicht an Christus glauben, Gottesdienstverbote fordern, weil sie meinen, dies wäre ‚solidarisch‘ mit dem Rest der Gesellschaft, wie es z.B. im ‚Tagesspiegel‘[2] zu lesen war oder Witzemacher zur Umwidmung von Altären in Fitnessstudios aufrufen[3], weil eben die Kirchen öffnen dürfen, aber Fitnessstudios nicht, dann ist das Eines.
Das Andere aber ist die Frage in der katholischen Kirche: wie tief müssen wir gesunken sein, wenn wir uns selbst aufgeben? Wenn wir gar nicht mehr die Kraftquelle verteidigen, die nur wir Katholiken haben: das Brot der Engel, der das Heil der ganzen Welt ist?
Können wir Christen, besonders wir Katholiken, unsere Nächsten lieben, wenn wir nicht die Kraft aus der Eucharistie erfahren?
Wir sehen: wenn wir in vorauseilendem Gehorsam unsere Gottesdienste preisgeben, dann schänden wir unsere Kraftquelle, das Brot des lebendigen Gottes. Ja, wir schänden es, weil wir uns Jesus schämen und ihn nicht verteidigen.
Ja, es gab keine eucharistischen Prozessionen, nicht nur nicht in Berlin, als alle Welt für alles Mögliche demonstrierte.
Wie konnten wir so tief sinken?
- Hierarchie statt Debattierclub
Vor Corona dachte ich immer: besonders die deutsche Ortskirche sei die Eiterblase der Weltkirche. Leider habe ich mich wohl getäuscht. Der Fisch stinkt vom Kopf her.
Als guter Lutheraner lehnte ich damals die Hierarchie, also die gottgegebene Ordnung der Weltkirche, ab. Ich erlag damals dem Trugschluss Luthers und seiner angeblichen Freiheit eines Christenmenschen: ich durfte mein eigener Papst sein.
Denn Luther stellte in seiner Schrift ‚An den christlichen Adel‘ im Jahre 1520 fest: „Was aus der Taufe gekrochen ist, das mag sich rühmen, dass es schon Priester, Bischof und Papst geweiht sei.“[4]
Schon rein logisch ist die katholische Kirche eine Art konstitutionelle Monarchie: die Bischöfe können solange ihres Amtes walten, bis der Heilige Stuhl in Gestalt des Heiligen Vaters eingreift. Er lässt sie gewähren, solange sie Seine Regeln einhalten.
Es sind die Regeln der göttlichen Offenbarung, des Depositum fidei.
Rein logisch muss es ein Haupt geben, welches im Fall der Fälle, im Zweifel also, immer entscheiden kann. Ein Patt ist der Tod ein jeder Regierung in dieser Weltzeit.
Und deshalb kennt die katholische Theologie nur das et: die Offenbarung ist schriftlich überliefert und mündlich. Et heißt: immer entscheidbar durch ein ‚Und‘.
Ein et et, also ein ‚Sowohl als auch‘[5] endet im unendlichen Debattierclub, also indem, was sich jetzt in Deutschland ‚Synodaler Weg‘ nennt.
Joseph Ratzinger schreibt: „Die Kirche erscheint – mit Heribert Schauf zu reden – nicht als Kreis mit einem einzigen Mittelpunkt, sondern als Ellipse mit zwei Brennpunkten – Primat und Episkopat“[6].
Voilà, da haben wir den immerwährenden Diskussionsclub in nuce: ein Jahr vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil[7] und16 Jahre vor seiner Bischofsweihe[8].
Und sieben Jahre vor der ‚Königsteiner Erklärung‘ von 1968[9], in welcher jeder gläubige Katholik erklären konnte, irgendwie der katholischen Lehre zuzustimmen, wenn auch mit einem deutlichen Vorbehalt.
Unter Punkt 12 mit der Überschrift ‚Bedenken‘ heißt es sybillinisch: „Es wird gefragt, ob die Lehrtradition in dieser Frage für die in der Enzyklika getroffene Entscheidung zwingend ist, ob gewisse neuerdings besonders betonte Aspekte der Ehe und ihres Vollzuges, die von der Enzyklika auch erwähnt werden, nicht ihre Entscheidung zu den Methoden der Geburtenregelung problematisch erscheinen lassen. Wer glaubt, so denken zu müssen, muß sich gewissenhaft prüfen, ob er –frei von subjektiver Überheblichkeit und voreiliger Besserwisserei –vor Gottes Gericht seinen Standpunkt verantworten kann. Im Vertreten dieses Standpunktes wird er Rücksicht nehmen müssen auf die Gesetze des innerkirchlichen Dialogs und jedes Ärgernis zu vermeiden trachten. Nur wer so handelt, widerspricht nicht der recht verstandenen Autorität und Gehorsamspflicht. Nur so dient auch er ihrem christlichen Verständnis und Vollzug.“[10]
Wer also irgendwie mit Rom in Kontakt bleibt und grübelt und grübelt, der ist schon ein Katholik, jedenfalls nach Ratzinger.
Denn wenn auf höchster Ebene selbst der monarchische Primat nicht Teil der Ekklesiologie ist, warum sollten dann die Gläubigen ihrem Hirten als dem lokalen Haupt Christi Gehorsam leisten, wenn sie doch so viel um den rechten Weg grübeln?
Und: ist das nicht der ganze Ratzinger, der sich zum Papst wählen lässt – und einfach in den Ruhestand ausbüxt?
Und derselbe Ratzinger, der noch im Januar diesen Jahres 2020 seine eigenen Gedanken zum Zölibat genau dann veröffentlichen lässt[11], als der gewählte und amtierende Heilige Vater Franziskus nur hundert Meter weiter im Gästehaus ‚Santa Martha‘ gegenüber kurz davor ist, sich, ebenfalls!, zum selben Thema lehramtlich zu äußern?[12]
In meinen Augen ist hier eine dicke rote Linie zu sehen, keine gute: Joseph Ratzinger bleibt sich gleich und lernt nicht dazu.
- Scholastik ist Vernunft + Glaube: wo bleibt das Naturrecht?
Als Theologiestudenten wurde uns damals evangelischerseits eingefleischt: der heilige Thomas von Aquin sei ‚Normaltheologe‘, also derjenige, der theologisch am besten weiß, wo es lang geht.
Nein, leider weiß ich nicht viel von Scholastik, leider, leider, leider. Ich kann nur die kleine Schrift ‚De esse et essentia‘ des heiligen Thomas. Und einige Traktate des honigfließenden Bernhard von Clairvaux, der einzige Scholastiker, der von Luther anerkannt wurde.
Und Raritäten wie den ‚Dreifachen Weg‘ des heiligen Bonaventura.
Warum also die Scholastik, besser die damalige Neuscholastik, so arg übel im Straßengraben landete, weiß ich nicht. Verdient hat sie es nicht.
Denken möchte ich nur an die analogia entis des heiligen Thomas von Aquin, wie sie mustergültig in der schon genannten Schrift ‚De esse et essentia‘ dargelegt wird. So einfach und klar verbindet sie Vernunft mit dem Glauben und verhindert so, die lächerlichen Widersprüche im Protestantismus: hier reiner Fideismus mit seinem ‚Sprung in das kalte Wasser‘ à la Bultmann und Barth, dort reiner Rationalismus à la Hegel.
Sicher, niemand sollte heutzutage zum Hyle-Morphe-Dualismus des Aristoteles gezwungen werden. Aber ist die so notwendige Untermauerung z.B. der Zehn Gebote mit Argumenten der Vernunft wirklich von gestern?
Wie lächerlich, denn wenn wir mit Worten nicht mehr Argumente liefern, müssen wir schweigen. Ist es nicht gerade das, was so dringend notwendig ist heutzutage: Worte der Vergewisserung und vor allen Dingen der Verteidigung?
Im Wort ‚Logik‘[13] steckt der Logos, also das Wort selbst. Fehlen uns die Worte, so sind wir buchstäblich hilflos, ja dem Widerspruch unserer Gegner ausgeliefert.
Ich bin ein großer Freund des Präfekten der Glaubenskongregation namens Joseph Cardinal Ratzinger, der uns das Jahrhundertwerk des ‚Katechismus der Katholischen Kirche‘ geschenkt hat. Da gibt es Formulierungen, die Gold wert sind.
Dennoch sind sie so seltsam melancholisch, ja kraftlos, so eben, als kämen sie aus einer versunkenen Welt.
Eine lebenspraktische Anwendung des Gebotes ‚Du sollst nicht ehebrechen‘ hätte die Debatte über die so genannten gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften sein können.
Kardinal Ratzinger schreibt am 3.Juni 2003 einen bemerkenswerten und leider immer noch wichtigen Aufsatz: ‚Erwägungen zu den Entwürfen einer rechtlichen Anerkennung der Lebensgemeinschaften zwischen homosexuellen Personen‘.[14]
Allein der Titel ist so umständlich und bürokratisch gehalten, dass der Inhalt natürlich nicht zur Kenntnis genommen wird. Vielleicht sollte er es auch gar nicht.
Er enthält nämlich Sprengstoff, viel Sprengstoff: jede Menge Munition für einen echten Kulturkampf.
Allem, was Ratzinger ausführt, kann ein Katholik nur von ganzem Herzen zu stimmen. Und dennoch: wo sind die Konkretisierungen? Wie und wo kann der Kampf gegen das schleichende Gender-Mainstreaming aufgenommen werden?
Und vor allen Dingen: wo finden wir Worte, die so eindringlich sind, dass jeder Vernunft Begabte guten Willens ihnen zu stimmen kann?
‚Naturrecht‘ ist kein Rechtsbegriff aus verstaubten Zeiten, sondern jeden Tag lebbar, weil die menschliche Natur selbst vernünftig ist.
Zu Recht schreibt Ratzinger in seiner Einleitung zu den ‚Erwägungen‘: „Weil es sich um eine Materie handelt, die das natürliche Sittengesetz betrifft, werden die folgenden Argumente nicht nur den Gläubigen vorgelegt, sondern allen Menschen, die sich für die Förderung und den Schutz des Gemeinwohls der Gesellschaft einsetzen.“[15]
Nun, seine ‚Erwägungen‘ richten sich im Jahr 2003 alleine an die Bischöfe, denen er „bei der Abfassung von spezifischeren Stellungnahmen entsprechend den besonderen Situationen in den verschiedenen Regionen der Welt helfen“ will.
Nun ja, damals war die Gender-Kulturrevolution nicht nur am Horizont, sondern überall im Gange.
Seine ‚Erwägungen‘ wurde nicht gehört, soweit ich weiß, gar nicht. In keinem Land der westlichen Welt, außer Osteuropa[16], haben die gläubigen Christen LGBT-Lebensgemeinschaften eine rechtliche Anerkennung verwehrt.
Und was tat Joseph Ratzinger, als er zum Papst gewählt wurde? 2005 wurde er Heiliger Vater und hätte den ‚Erwägungen‘, die er zwei Jahre zuvor schrieb, Taten folgen lassen können. Niente, rein gar nichts.
In meinen Augen ist die LGBT-Revolution eigentlich eine Steilvorlage für uns Christen. Sie bedroht die Gesellschaft, sicher. Sie ist allerdings einfach zu überwinden: nur Mann und Frau können Kinder bekommen: die Grundlage der Gesellschaft, auch einer LGBT-Gesellschaft.
Woher wollen also die LGBT-Aktivisten die Kinder nehmen? Stehlen? Leihmutterschaft? Im Reagenzglas züchten?
Hier greift die Vernunft ein und sagt: der heilige Gott in Jesus Christus schützt alle Familien mit Kindern in der zweiten Tafel der Zehn Gebote. Wer eine jede Gesellschaft will, braucht Kinder. Punkt.
Und da brauchen wir kein Schwadronieren vom angeblich verstaubten Naturrecht. Da brauchen wir auch keine tausend Zitate von irgendwelchen maßgeblichen Menschen. Da brauchen wir nur die Vernunft, die den Glauben unterstützt.
Und zwar eine jede Vernunft eines jeden Menschen. Und genau das ist die Kraft der wunderbaren Bewegung ‚Manif pour tous‘[17] in Frankreich, die mit dem so genannten gesunden Menschenverstand, ein anderes Wort für Vernunft, viele Hunderttausende mobilisiert.
‚Gesunder Menschenverstand‘ ist in meinen Augen nicht nur das deutsche Wort für common sense, sondern für das Naturrecht schlechthin. Wer Menschen will, will die Familie als Urzelle einer jeden menschlichen Gesellschaft. Punkt.
Und Ratzinger kommt einfach nicht aus seinem steilen Elfenbeinturm heraus, um Menschen für das Naturrecht zu begeistern? Dann nennen wir es eben ‚gesunder Menschenverstand‘.
Das ist die zweite rote Linie, eine blutrote Linie, wie ich meine. Ein kraftloser Erwägungs-Katholizismus, den niemand braucht und der sich in endlosen Erklärungen ergeht.
Und die wahre Wirklichkeit außerhalb dieser fruchtlosen Apparatschik-Blase? Sie geht zugrunde, wie noch niemals zu vor in der Kirchengeschichte.
Denn eigenartig ist: so ein Katholizismus ist ohne Werke, weil er ohne Vernunft ist. So einen kraftlosen Popanz braucht niemand.
Denn ein Katholizismus ohne Werke ist tot, ja, ein Katholizismus ohne Werke ist gar keiner. Es ist reiner Protestantismus.
[1] https://www.katholisch.de/artikel/27385-papst-feiert-traditionelle-christmette-in-privater-form
[2] https://www.tagesspiegel.de/berlin/lockdown-einschraenkungen-fuer-kultur-die-kirchen-sollten-auf-ihre-gottesdienste-verzichten/26579398.html
[3] So z.B. https://www.der-postillon.com/2020/10/heilige-kulinariker.html
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Priestertum_aller_Gl%C3%A4ubigen#:~:text=Demnach%20so%20werden%20wir%20allesamt,ziemt%2C%20dieses%20Amt%20auch%20auszu%C3%BCben.
[5] Vgl. dazu den dogmatischen Fehlgriff des ansonsten guten Leo Scheffczyk ‚Katholische Glaubenswelt‘, Aschaffenburg 1977, 57-60.
[6] Joseph Ratzinger, Primat, Episkopat und Successio Apostolica, in: Rahner, Karl / Ratzinger, Joseph, Episkopat und Primat, Quastiones Disputatae 11, Freiburg 1961, 37-59, 42.
[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Zweites_Vatikanisches_Konzil
[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Benedikt_XVI.#Erzbischof_von_M%C3%BCnchen_und_Freising
[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Humanae_vitae#K%C3%B6nigsteiner_Erkl%C3%A4rung
[10] https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/veroeffentlichungen/Sonstige/k_nigsteiner_erkl_rung.pdf
[11] https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/aktuell/Das-katholische-Priestertum;art4874,204596
[12] https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2020-02/exhortation-querida-amazonia-papst-franziskus-synode-wortlaut.html
[13] https://de.wikipedia.org/wiki/Logik
[14] http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_20030731_homosexual-unions_ge.html
[15] http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_20030731_homosexual-unions_ge.html
[16] Bemerkenswert ist die demokratische Entwicklung in Polen, Kroatien, Slowenien und Ungarn. Ohne eine christliche Erdung muss eine Gesellschaft im LGBT-Chaos untergehen.
