Eine Anleitung
Berlin, 26.Dezember 2020
Den Rosenkranz zu beten, gilt zwar als urkatholisch, allerdings gleichfalls als altmodisch, wenn nicht verstaubt.
Als ich mich vor vierzehn Jahren auf den Weg machte, von einem pietistischen Lutheraner zu einem Katholiken zu werden, fragte ich nach dem Rosenkranzgebet, da ich wusste, dies sei urkatholisch.
Ich bekam einen geschenkt: mehrfach geflickt und eigentlich nicht mehr zu gebrauchen. Und dann einen Zettel in die Hand: angeblich eine Anleitung.
Niemand von diesen Flickschustern und Verzettelten kam auf die Idee, mit mir einfach mal live, also in fünfzehn Minuten, den Rosenkranz zu beten.
Das war so dieser moderne Schubladen-Katholizismus: Schublade auf, Mensch rein, Hauptsache irgendwie fertig. Einfach nur tödlich.
Vielleicht klappt ja diese seelenlose Methode, bei mir jedenfalls nicht. Ich machte alles falsch. Also für jede einzelne Perle je ein Gesätz, also nicht ein Gesätz für zehn Perlen, sondern jede einzelne Perle ein Gesätz. Diese Auslegung der so genannten Anleitung ist mindestens eine Lesart, meine eben. Und furchtbar anstrengend.
Dieser Schubladenkatholizismus sollte unbedingt sterben, denn er taugt nichts. Angeblich wissen ja alle Menschen auf der Welt, wie der Rosenkranz zu beten ist. Nur ich bin ein Outsider, naja.
Inzwischen habe ich mich in der katholischen Hierarchie hochgearbeitet und es zu einem echten Laien-Rosenkranzvorbeter mit Mikrofon (!) gebracht. Hier also meine gediegene, auf jahrelanger Erfahrung beruhenden Bemerkungen zum äußerlichen und innerlichen Ablauf.
- Äußerer Ablauf
Eigentlich reicht wie immer die gelungene Anleitung meiner Lieblingsenzyklopädie ‚Wikipedia‘ zum Rosenkranz[1]. Dennoch hilft es ein bisschen, eine kurze Anleitung zu geben.
- Beginn
- Bekreuzigung mit der Segensformel ‚Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes‘
- ‚Apostolisches Glaubensbekenntnis‘[2]
- ‚Ehre sei dem Vater‘[3]
- ‚Vaterunser‘[4]
- Ein ‚Ave Maria‘[5] für die Glaubensvermehrung
- Ein ‚Ave Maria‘ für die Stärkung in der Hoffnung
- Ein ‚Ave Maria‘ für Entzündung der Liebe
- ‚Ehre sei dem Vater‘ und ‚Vaterunser‘
- Fortsetzung mit der ersten Zehnerkette (Gesätz)
- Es gibt insgesamt vier häufig gebrauchte Versionen mit jeweils fünf Gesätzen: freudenreich, lichtreich, schmerzhaft und glorreich, die sich nach festen Tagen richten. Am heutigen Samstag z.B. geht es um den freudenreichen Rosenkranz[6].
- Die erste Zehnergruppe beginnt so: ‚Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus, den du, o Jungfrau, vom Heiligen Geist empfangen hast(Lk 1,35 EU), heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unserer Todes.‘
- Dieses Gebet wird insgesamt zehn Mal hintereinander gebetet.
- Dann folgt ein ‚Ehre sei dem Vater‘ und ein Vaterunser.
- Dann geht es um das zweite Gesätz des freudenreichen Rosenkranzes (am Ende wiederum ein ‚Ehre sei dem Vater‘ und ein Vaterunser) bis insgesamt fünf Zehnerketten gebetet sind
- Dann folgt als Abschluss des gesamten Rosenkranzes ein ‚Ehre sei dem Vater‘.
- Schlimmer ist es nicht.
- Innerer Ablauf: jedes Rosenkranzgeheimnis eine kostbare Perle der Gnade
Durch die insgesamt fünf Zehnerketten sind es schon 50 Gebete. Jeder Rosenkranz hat insgesamt 59 Perlen. Also geht es um neunundfünfzig Gebete. Das ist nicht wirklich wenig. Auch nicht für geübte Beter.
Warum soll man sich das also antun?
Ich liebe eigentlich Fantasy-Filme nicht, außer die Trilogie ‚Der kleine Hobbit‘. Und dort besonders den zweiten Teil ‚Smaugs Einöde‘. Eine riesige Schatztruhe voller wertvoller Goldstücke, Diademe, Kronen, Smaragde, Diamanten und einem geheimnisvollen Ring. Gehütet von einem bitterbösen und rachsüchtigen Drachen.
Unser eigener rachsüchtiger Drache ist klar: eifersüchtig wachen wir über unsere Zeit, unser angeblich kostbarstes Gut. Und wie lassen wir es andere fühlen, wenn sie uns die Zeit rauben oder nur rauben könnten.
Und das gilt besonders für Gott. Und dieser Gott, will er nicht die Ewigkeit für uns? Und was im Hinblick auf die himmlische Ewigkeit ist unsere irdische Zeit?
Jedes Rosenkranzgeheimnis ist biblisch belegt. So zum Beispiel das heutige Gesätz ‚den du, o Jungfrau, vom Heiligen Geist empfangen hast‘. Das ist hundert Prozent Jesus!
Recht gebetet schauen wir uns also in der Schatzkammer Jesu um. Denn alles, was wir im Rosenkranz beten, sind die Wege Gottes mit dem Menschen im Evangelium – mit uns!
