Protokoll von vier Stunden Ungewissheit
Berlin, 26.März 2021
- Ergebnis nach vierundzwanzig Stunden
Ja, ich habe die erste Dosis in die linke Schulter bekommen – und habe nur leichte Muskelschmerzen: eine gute Nachricht für meine Brüder und Schwestern unter den Impffreunden! AstraZeneca ist sicher, jedenfalls für mich.
Außer den normalen Zuckungen meiner Berliner Großstadtdschungel-Gaganess habe ich bisher keine Bewusstseinsveränderung wahrgenommen: eine schlechte Nachricht für meine Brüder und Schwestern unter den Impfgegnern!
- Meine Vorfreude – und dann
Es war gestern ein richtig stimmungsvoller Frühlingsnachmittag in Berlin, die immerhin deutsche Hauptstadt ist: mild und angenehm warm. Alles deutete daraufhin, dass es schnell gehen würde, denn AstraZeneca hat ja bekanntlich ein Imageproblem.
Also war ich eine gute halbe Stunde eher da, um 16 Uhr 15. Ich rechnete damit durchgewunken zu werden. Und hatte viele Pläne für das Danach, denn der Frühlingsnachmittag war noch jung.
Und hatte unsere liebe Berliner Verwaltung nicht auf dem Plan.
- Hangar Nr.4 des Flughafens Tempelhof
Nachdem ich mich vor lauter Aufregung sogar verfahren hatte – peinlich, und das als eingeborener West-Berliner! – stieg ich richtig U-Bahnhof Paradestraße aus.
Der Flughafen Tempelhof liegt absolut zentral und ist mehr als gut erreichbar. Die erste Irritation folgte: Hangar 4 war nicht über das Hauptgebäude erreichbar, jedenfalls für mich nicht (Erklärung kommt gleich).
Also mal kurz um den Block und auf die Grünwesten losgestürzt. Dann nochmals um den umzäunten Flughafen mit seinen großen betonierten Freiflächen. Gefühlter Spaziergang von fünfzehn Minuten, wohl dann nur 10 Minuten in der wahren Welt.
Vorfreude, da nur ganz wenige mit mir spazieren.
- Mein Nervenretter: Volker
Ich habe wirklich keine Manschetten fremde Menschen dumm von der Seite anzuquatschen: eingeborene Schnauze halt. Selbige ist es auch dann, wenn die Eltern keine Eingeborenen sind, denn Zugreiste bekommen den genetischen Berlin Touch durch die gute Berliner Luft, Luft, Luft… so ungefähr nach fünfzig Jahren, nach meinen Studien jedenfalls.
Also Volker, kein Berliner, sondern Kreuzberger (wie er unbedingt betonen musste) – praktisch die linke Variante von mir als Hard Core Beton-West-Berliner mit CDU-Schlagseite – ging neben mir, und ich fragte nach der Uhrzeit.
Eigentlich meine einzige Methode, um mit Frauen ins Gespräch zu kommen, genial halt, denn es funktioniert auch bei Männern.
Ich hatte nämlich überlegt: vor lauter Aufregung beim Öffnen meiner linken Schulter zwecks Covid-19-Impfung würde ich mir alles vom Leibe reißen können, nur nicht die Uhr mit Originalarmband meines derzeitigen Arbeitgebers – zu schön, um kaputt zu gehen.
Also, laut Volker war es 16 Uhr 15, als die Welt noch in Ordnung war und wir noch gefühlt 10 Minuten vom Ziel entfernt waren.
Wir beiden sollten zur gleichen Zeit, nämlich eine halbe Stunde später, dem neuen zivilisatorischen Standard einer Schutzimpfung bekommen: er wohl die eine Dosis der gleichen Kanüle, ich die andere. So der Plan.
Volker sollte mich von nun an engstens begleiten, wenn auch der Mindestabstand von einem Pony (so die Empfehlung der BVG, also unseres Berliner Nachverkehrsunternehmens) eher nicht von uns eingehalten werden würde.
Es wurde ein eher längeres Gespräch über Gott und die Welt: tatsächlich nämlich knapp drei Stunden (3!) lang.
- Der Eingang von Hangar 4 und ein Trostspender
Dann eine erste Ernüchterung: Beton über Beton – und der Hangar 4 in gefühltem Abstand von einem Kilometer, über eine Piste von Beton und Beton und Beton – das ehemalige Rollfeld der Flugzeuge bis ganz nah ran an den Flughafen.
Dann hieß es warten und warten und warten sowie gehen und gehen und gehen.
Einmal kam ein Trostspender vorbei und rief uns ermunternd entgegen: „Jeder wird in jedem Fall geimpft!“
Damit hatte ich wahrhaftig nicht gerechnet: dass der Ernstfall eintreten könnte, wirklich umsonst an einem Frühlingsnachmittag knapp drei Stunden auf die Erfüllung der patriotischen Pflicht warten zu dürfen, um am Ende mit leeren Händen bzw. nicht mit Impfstoffdosis versehenen linkem Oberarmmuskel nach Hause gehen zu müssen. Unglaublich – und in Berlin tatsächlich möglich!
- Serienmäßige Versorgung mit Wasser und FFP2-Masken
Was wäre, wenn es geregnet hätte? Oder ein Orkan brauste? Es war um uns herum wirklich nur nackter Beton. Keine Möglichkeit sich hinzusetzen – Warteschlage halt.
Und im Sommer erst: die pralle Sonne, kein Schatten halt.
Nun, ich gehörte laut unserer Gesundheitssenatorin zur hoffnungsvollen Truppe der ‚hoch Priorisierten‘, wobei ich mich der Bedeutung dieser Ehre leider nicht bewusst war – der junge Mann im Impfzentrum auch nicht. Ich meinte, ich sei Diplomtheologe – irgendwie doch systemrelevant und Wahlhelfer für verschiedene Wahlen gewesen, was ihn irgendwie überzeugte.
Die Helfer ließen uns nicht ganz alleine warten, sondern verteilten alles, was sie hatten und wir brauchten: Wasser und Masken z.B.
Im Angebot hätten sie sich auch Regenschirme und Sonnencreme, wenn es soweit ist, schätze ich mal.
- Echte Priorisierung
Je mehr wir dem Hangar 4 auf den Pelz rückten, umso mehr konnten wir Details erkennen. Volker und ich hatte nämlich unsere Feldstecher zu Hause liegen lassen: vom Hangarzaun bis zum Hangareingang sind es jedenfalls schon so fünfhundert Meter.
Und so sahen wir eine weitere Warteschlange: es musste mehrere Zugänge geben, von denen wir bisher nur andeutende Gerüchte von Umstehenden vernahmen, die Hals über Kopf das Weite suchten.
Ja, die Gerüchte verdichteten sich und ich sah allen ins Gesicht: die noch höher Priorisierten! Ich war mit ungefähr dreißig anderen der letzte Rest, da wirklich alle vorher durchgewunken und an uns Kerngesunden und Hochpriorisierten vorbei geschleust wurden.
Ja, die deutsche Gesundheitsbürokratie lebt und kämpft für uns alle, nur eben irgendwie gerecht abgestuft.
- Impfung: ein Klacks
Mein Mitstreiter Volker und ich hatten uns aus den Augen verloren. So wusste ich also nicht, wann ich den Piks bekam. Ich merkte ihn noch nicht einmal, weil ich nur noch dachte: ‚Umfallen vor Müdigkeit oder Tod durch Schutzimpfung, egal‘.
Auf die Uhr sah ich um 19 Uhr 05, als ich nämlich auf den Shuttlebus wartete, der uns die halbe Weltreise zurück in die Zivilisation erleichtern wollte. Pustekuchen, denn genau um Punkt 19 Uhr stellte die Shuttle-Linie – sogar mit eigenem VIP-Bus zusätzlich, ja, die Bürokratie denkt an alles – ihren Dienst ein.
Also mal ganz kurz ganz quer über die Betonpiste, die natürlich vollkommen unbeleuchtet war.
- Mehr Licht, bitte!
Und schon hatte ich die so genannte ‚Tempelhofer Freiheit‘ erreicht, wie bei uns in Berlin das Rollfeld des ehemaligen Tempelhofer Flughafens euphemistisch genannt wird.
Naja, in vollkommene Tempelhofer Finsternis gehüllt.
Wer also nach drei Stunden Warterei keine Nerven und durch den kleinen Pik gesundheitliche Probleme hat, den erwartet nicht nur die Betonwüste eines Riesenparkplatzes, sondern die stockdunkle Berliner Nacht.
Wer also zusammenbrechen sollte, muss erst einmal gesehen werden, jedenfalls dann, wenn ihm geholfen werden sollte…
- Nachtrag
Muss ich noch eigens erwähnen, dass die genannten Horden der besser Priorisierten nicht durch den Hintereingang gebeten wurden, um den Shuttlebus zu benutzen, wie wir – die schlechter Priorisierten –, sondern wohl wieder durch den Vordereingang dorthin gelangten, wo uns der Shuttlebus, wenn er denn gefahren wäre, ebenfalls hätte bringen sollen?
Ja, unsere deutsche Gesundheitsbürokratie regelt alles: vom Zu- bis zum Abgang, einfach alles.
Dumm nur, wenn ein Orkan wallt oder ein Regen schauert oder die Sonne sticht oder die Finsternis dräut.
Das aber, Gott sei es geklagt, hat ja mit den Unbilden des Wetters zu tun – und nicht mit der Versorgung des Volkes mit Gesundheit, gelle!

Ein Gedanke zu “AstraZeneca: 24 Stunden später”