Meine Gründe
Berlin, 28.August 2021
In meinen Augen kommt eine späte Datierung[1] weit nach der Tempelzerstörung (70 n.Chr.) im beginnenden zweiten Jahrhundert aus den folgenden Gründen nicht in Frage.
- Zerstörung des Jerusalemer Tempels 70 n.Chr.[2]
Nach der bewährten Nebeneinanderstellung von Prophetie und Erfüllung in den Evangelien ist es nicht sinnvoll, ein vorhergesagtes Ereignis, dessen Vorhersage eintraf, nicht zu nennen.
Es ist nicht zu erwarten, dass z.B. die ersten Christen in Philippi überhaupt wussten, was mit dem Tempel 70 n.Chr. geschah; gewiss hatten die Menschen damals andere Sorgen, als auf Nachrichten über ein Bauwerk in einer abgelegenen Weltgegend mit ganz anderen religiösen Vorstellungen zu warten.
Die Erfüllung der Vorhersagen Jesu über die Zerstörung des Jerusalemer Tempels berichten zu können, hat einen unermesslichen apologetischen Wert – so wie die Auferstehung Jesu[3] selbst.
- Märtyrertod[4] des Völkerapostels Paulus 64 n.Chr. in Rom
Die Apostelgeschichte des Evangelisten Lukas berichtet ab Kapitel neun bis zum Ende im 28.Kapitel durchgängig von einem einzigen Mann: Paulus von Tarsus. Also gehören 20 Kapitel fast ausschließlich ihm alleine.
Dieser zweite Teil des lukanischen Doppelwerkes[5] endet mit der Gefangenschaft des heiligen Paulus in Rom.
Es kann keinen vernünftigen Grund geben, den Märtyrertod[6], den Paulus als seinen persönlichen Wunsch geäußert hat, nicht zu schildern.
- Paulinische Briefe
Im Corpus Paulinum sind uns eine Vielzahl von Briefen an größere und kleinere Gemeinden erhalten.
Sie alle enthalten eine Vielzahl an Anspielungen auf die Worte Jesu, wie sie uns in den Evangelien überliefert sind.
Es ist unwahrscheinlich, dass diese Kleinliteratur in Gelegenheitsschriften nicht einen größeren Bedarf an Grundsätzlichem weckte.
Und umgekehrt: die Gelegenheitsschriften der Briefschreiber des Neuen Testaments setzen eine Kenntnis der Evangelien letztlich voraus.
- Das schnelle Wachstum der Gemeinden
Paulus schreibt von insgesamt 500 Zeugen der Auferstehung Jesu.[7]
Der Evangelist Lukas nennt eine Massenbekehrung von „etwa dreitausend Menschen“ an einem einzigen Tag, nämlich der Pfingstpredigt des heiligen Apostels Petrus.[8]
Und bei den Brotvermehrungen Jesu waren es allein 5000 Männer bei der größten von zweien.[9]
Wenn wir die geografische Verschiedenheit der paulinischen Missionsgemeinden in Kleinasien auf der einen Seite und diejenigen im jüdischen Land auf der anderen Seite sehen, dann gibt es letztlich keine Alternative zur Verschriftlichung.
Allein die Größe der paulinischen Missionsbewegung um Paulus erkennt man an den namentlichen Genannten in seinen Briefen: fünfzig.[10]
Wenn wir bedenken, dass diese alle zum Teil ernährt und mit Geld für die langen Reisen versorgt werden mussten, können wir erkennen, dass hinter den Hauptakteuren ziemlich schnell viele überzeugte Christen gestanden haben mussten.
Und diese vielen Neugetauften brauchten verlässliche Informationen. Es ist zutiefst unwahrscheinlich, dass die Predigten allein ausreichend waren.
Für die Katechese, den Taufunterricht also, brauchte es einheitliche und verlässliche Informationen: die Evangelien eben.
- Märtyrertod von elf Aposteln
Andrew Todhunter schreibt in der Zeitschrift National Geographic: „Elf der zwölf Apostel starben der Überlieferung nach den Märtyrertod. Petrus, Andreas und Philippus wurden gekreuzigt, Jakobus der Ältere und Thaddäus starben durch das Schwert. Jakobus der Jüngere soll mit einer Keule erschlagen worden sein. Bartholomäus zogen seine Peiniger bei lebendigem Leib die Haut ab und kreuzigten ihn. Von Thomas und Matthäus berichtet die Legende, dass Feinde sie mit Lanze und Schwert durchbohrten, Matthias wurde gesteinigt und Simon gekreuzigt oder in zwei Hälften zersägt. Johannes starb als Letzter der Apostel wahrscheinlich friedlich.“[11]
Die Mission der Apostel ist der Überlieferung nach weltweit und umspannt alle damals bekannten Kontinente.
Der Apostel Thomas gelangte bis nach Indien, der Apostelschüler Markus nach Nordafrika. Todhunter schreibt: „Thomas ging nach Osten, durch das heutige Syrien, den Iran und, nach Ansicht der Historiker, weiter nach Südindien. Auch der Evangelist Markus verbreitete das Wort, brachte die christliche Botschaft nach Ägypten und begründete die koptische Kirche.“[12]
Sicher waren die Apostel und ihre Schüler keine reisenden Buchhändler. Umso wichtiger wird es gewesen sein, in der zweiten Etappe den Taufunterricht schriftlich zu gestalten.
Die von Jesus begeisterten Zeugen zogen weiter: die in Buchstaben gegossene Überlieferung blieb und konnte ihre Wirkung entfalten.
- Fazit
- Der Prozess der Verschriftlichung des Evangeliums ist schon allein zur Unterstützung der gewaltigen Missionsanstrengung als notwendig anzunehmen.
- Die Zerstörung des Jerusalemer Tempels und der Tod des Völkerapostels Paulus sind Tatsachen, die zu berichten, zwingend notwendig sind.
- Alle anderen Annahmen sind unvernünftig.
[1] Vgl. z.B. Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet :: bibelwissenschaft.de (28.8.2021).
[2] Vgl. Eroberung von Jerusalem (70 n. Chr.) – Wikipedia (abgerufen am 28.8.2021).
[3] Vgl. Auferstehung Jesu Christi – Wikipedia (abgerufen am 28.8.2021).
[4] Vgl. Paulus von Tarsus – Wikipedia (abgerufen am 28.8.2021).
[5] Vgl. Lukas :: bibelwissenschaft.de (abgerufen am 28.8.2021).
[6] Vgl. Act 21,13:: Paulus sagt, er sei bereit, „für den Namen Jesu, des Herrn, zu sterben.“
[7] Vgl. I Kor 15,6.
[8] Act 2,41; weitere Zahlenangaben nach der Jerusalemer, Fußnote zu Act 2,21, 1545: 4,4; 5,14; 6, 1.7; 9,31; 11,21.24; 16,5; 12,24; 13,48-49; 19,20.
[9] Vgl. Wundersame Brotvermehrung – Wikipedia (abgerufen am 28.8.2021).
[10] Vgl. Missionsreisen des Paulus – Wikipedia (abgerufen am 28.8.2021).
[11] Die Apostel | National Geographic (abgerufen am 28.8.2021).
[12] Ebd.
