Scholastik at His Best II
Berlin, 12.September 2021
Mit zunehmender Altersweisheit (ähem!) fällt der ein oder andere Groschen, zunehmender Verkalkung zum Trotz.
Wer zufällig Interesse an Anselm von Canterburys Proslogion hat, MUSS sich die geniale Übersetzung von Pater Franciscus Salesius Schmitt zulegen: die Reclam-Ausgabe ist nichts.
Anselm von Canterbury ist mitnichten ein Langweiler, er ist ein Vulkan. Sein erstes Kapitel, die excitatio, ist von einzigartiger impulsiver Frömmigkeit geprägt.
In keiner Weise ahmt er Augustinus nach, wie es so viele tun. Frei und stark stellt er sich dem Thema und betet in diesem Kapitel ohne Rücksicht auf Verluste. Ganz und gar katholisch.
Wer Latein kann, MUSS auf die lateinisch-deutsche Ausgabe von Pater Salesius zurückgreifen: kauft diese wenigen erhältlichen Ausgaben auf oder fragt bei mir nach – ich schicke die Scans per Post.
Als ehemaliger Protestant habe ich nie verstanden, was eigentlich das Programm des heiligen Anselm ist. Ich dachte immer: typisch scholastisch – Vernünfteln mit frommer Verpackung.
Weit gefehlt: das typische katholische Stufendenken von Natur und Gnade: hier ist es in Reinkultur.
- Credo
Das Anselmsche Programm des Credo ut intelligam unterliegt vielen Missverständnissen. Es will mitnichten zu einer ratio fidei führen.[1]
Ganz im Gegenteil will er das im Menschen angelegte lumen naturale, die Vernunft, zu ihrer Freiheit verhelfen.
Im Glauben kommt die Vernunft zu sich selbst, denn die Macht der Sünde wiegt schwer auf ihr.
Die menschliche Natur ist seit dem Sündenfall schwer beschädigt.
Das Gebet im ersten Kapitel ist also nicht ein frömmelndes Feigenblatt, sondern Kern und Stern des Glaubens.
Das Abbild Gottes im Menschen, imago Dei, ist „durch abnützende Laster zerstört“[2] und „durch den Rauch der Sünden geschwärzt.“[3]
Deshalb das echte Gebet Anselms um Erneuerung, renovatio, und Wiederherstellung, reformatio: „dieses ‚Dein Bild‘ […], daß es nicht tun kann, wozu es gemacht ist, wenn Du es nicht erneuerst und wiederherstellst.“[4]
Der Glaube an Gott ist also in der Ordnung von Natur und Gnade das notwendige Unterpfand allen Verstehens.
Es geht eben nicht um eine göttliche Erleuchtung und damit um Offenbarungswissen, sondern um die Freiheit der Vernunft, die durch Laster und Sünden geknechtet ist.
Das war mir so gar nicht bewusst. Und diese Erkenntnis ist mir unbeschreiblich kostbar.
Anselm von Canterbury ist wunderbar!
- Ut intelligam
Es ist also der Glaube an den heilwirkenden Gott, der uns erneuert und wiederherstellt. Und die Vernunft wieder auf den Sockel stellt, auf den sie gehört.
Nicht auf den Thron des eigenen Hochmutes, sondern auf den Schemmel Gottes, der zur Anschauung Gottes führen muss.
Wenn wir Menschen freimütig denken, so stellt sich berechtigt die Frage nach den Grenzen des Denkens.
Nicht alles ist vernünftig, es gibt das Unvernünftige.
Und Gott?
Wenn Er alles geschaffen hat, muss Er dann nicht etwas sein, „über dem nichts Größeres gedacht werden kann“[5]?
Die Frage des Proslogion ist die berechtigte Frage nach den Grenzen der Vernunft: wenn sie uns geschenkt ist, ist es nicht logisch zu fragen: von wem?
So wie es Erkenntnis der Sünde im ersten Kapitel gibt, die eindeutig zu beschreiben ist, so bleibt eben die Frage nach Gott.
Wenn die Sünde die Frage nach dem Abfall von Gott in Richtung Hölle nach unten ist, so ist die Frage ebenfalls berechtigt, ob der Mensch in seinen Fragen zu Gott aufsteigen kann.
Anselm bejaht insofern er meint, dass der Mensch erkennen kann, dass der Gottesgedanke von allen Gedanken der Größte ist.
Er bejaht nicht die Frage, ob wir wissen können, was Gottes Wesen ist. Anselm von Canterbury ist zutiefst katholisch und so frisch, wie es ein jeder ist, der Zugang zu der Quelle hat, die aus dem Herzen Gottes quillt: Jesus Christus.
[1]Vgl. Anselm von Canterbury – Metzler Philosophen-Lexikon (spektrum.de) (abgerufen am 11.9.21)
[2] Anselm von Canterbury, Proslogion, lateinisch-deutsch, von Pater Franciscus Salesius Schmitt, Stuttgart-Bad Cannstatt 1984, 83.
[3] Ebd.
[4] Ebd.
[5] 85.
