Jesus Christus und Don Quichotte
Berlin, 21.Oktober 2021
Neulich kam eine praktische Frage auf: der Winter naht mit großen Schritten und kündigt durch einen Herbststurm sein Kommen an.
Wenn ein netter Mitchrist nun den Willkommensdienst in einer Kirchgemeinde verantwortet – sprich die Registrierung der Gottesdienstteilnehmer vornimmt und diese zur Einhaltung von Abstandsregeln sowie zur Desinfizierung mahnt –, ist der nette Mitchrist dazu genötigt, der ihm begegnenden Unbill in einem größeren Sinn abzuhelfen?
Bleiben wir konkret: es geht um die Bereitstellung von Desinfektionsspendern samt Desinfektionsmitteln, Wegedienst bei Schnee und Eis vor dem Kircheneingangsbereich sowie um Glasscherben und tote Mäuse ebendort.
Berlin eben: da gibt es den Winter durchaus und allerlei Getier und nette Mitmenschen, die nicht wissen, wohin mit dem Müll.
Bin ich also als Christ verpflichtet, ein Auge auf Zu- und Abgänge zum Gottesdienstbereich zu werfen und zur Tat zu schreiten?
Zwei Grundsätze sind hierbei zu beachten, um zu einer Antwort zu kommen: die Nächstenliebe und die Frage, wer mein Nächster überhaupt ist.
- Die Goldene Regel
Wer Gottes Willen erkennen will, hat es mit Jesus ganz einfach. Er lehrt uns in seiner großartigen Bergpredigt: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten.“[1] (Mt 7,12)
Wir Christen brauchen kein Gesetzbuch mit uns herumschleppen, sondern fragen uns ganz konkret: „Wenn ich einen Rollator habe und in den Gottesdienst gelangen möchte, freue ich mich dann darüber, wenn ein freundlicher Mensch mir den Weg ebnet und die Glasscherben der vergangenen Nacht hinwegfegt?“
Natürlich kann die Antwort eindeutig nur Ja lauten. Vielleicht muss ich jetzt keinen Rollator benutzen, aber später wohl schon. Wenn ich jetzt an meine Mitbürger denke, vielleicht denken die später an mich?
Wir sehen: so ganz selbstlos ist der Einsatz für unsere Mitbürger nicht. Es ist ein Segen an den Anderen zu denken und ihnen helfen zu können. Und es ist ein Segen für mich: wenn ich mich jetzt in die Lage des anderen versetzen kann, lerne ich für meine eigene Zukunft hinzu.
- Wer ist mein Nächster?
Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter lernen wir, wer unser Nächster ist. Hier brauchen wir wiederum kein Lehrbuch, sondern nur ein offenes Herz.
Jesus fragt: „Wer von diesen dreien meinst du, ist dem der Nächste geworden, der von den Räubern überfallen wurde?“[2] (Lk 10,36)
Die Frage ist also nicht abstrakt, sondern immer konkret. Es geht mitnichten ganz allgemein darum, die Welt zu retten, sondern im Detail um die Frage: die Not, die mir im Hier und Jetzt begegnet, ist sie von mir heilbar?
Wenn ich also mindestens von zwei Christen weiß, dass sie zu Weihnachten mit ihren Rollatoren zu Jesus stürmen wollen – und ich zudem weiß, dass Weihnachten in der Hauptstadt mit Schnee und Eis zu tun haben, dann muss ich etwas tun, um den beiden Rollator-Benutzern den Weg zu ebnen.
Winter in Berlin gibt es genau einmal im Jahr: im Winter. Alle Jahreszeiten kommen und gehen in Deutschland pünktlich nach Fahrplan.
Es sollte dem Verantwortlichen für den Willkommensdienst möglich sein, rechtzeitig für Schneeschippe und Rollsplit zu sorgen, zudem gerade einmal Herbst ist.
Im Gleichnis hat der barmherzige Samariter eigentlich genau das, was dem, der unter die Räuber fiel, benötigte: einen Packesel, Öl, Salben und Verbandszeug.
Und der barmherzige Samariter hatte Zeit und Geld genug, um für einen Aufenthalt in der Herberge zu bezahlen.
Salomonisch spricht der Samariter zum Wirt: „Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.“ (Lk 10,35)
Das ‚Wiederkommen‘ wird meist adventlich auf das Kommen Jesu gedeutet, der uns sozusagen heimzahlen wird, was wir ausgegeben haben.
- Das Kreuz mit den Windmühlen
Christ zu sein in der Hauptstadt ist nicht so einfach. Und die Scherben der lieben Mitmenschen wegzukehren scheint bei den Tausenden von Alkoholikern und randalierenden Halbstarken wie ein lächerlicher Kampf gegen Windmühlen.
Den Besen nehmen und kehren, das demütigt gewaltig, besonders dann, wenn andere dabei zuschauen.
Und die Rollator-Benutzer? Die freuen sich sicher nicht anders als der Arme, der unter die Räuber fiel.
Das eigentliche Ärgernis ist ein ganzes Anderes: Gott selbst.
Jesus lehrt uns wundervoll anschaulich die ewige Vorhersehung: „Verkauft man nicht fünf Spatzen für zwei Pfennige? Und doch ist nicht einer von ihnen vor Gott vergessen. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.“[3] (Lk 12,6f)
Es ist dem barmherzigen Samariter von der Ewigkeit her der Arme, der unter die Räuber fiel, buchstäblich in den Weg gelegt worden.
Wie sagte einmal ein begabter Beichtvater zu mir: „Dein Kreuz ist von Gott handgeschnitzt.“
Ja, ein jeder mühselige Weg eines jeden Christen, der aus den Zumutungen Gottes förmlich zu bestehen scheint, ist von Gott handgefertigt: unser Kreuzweg ist ein Unikat.
Es sind echte Herausforderungen Gottes an uns; dabei geht es nicht um einen Kampf gegen lächerliche Windmühlen, gegen die wir wie der „Ritter von der traurigen Gestalt“[4] à la Don Quichotte kämpfen.
- Das Kreuz und die Schriftgelehrten
Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter geht es letztlich um zwei Wege: den einen bequemen bürgerlichen Weg, den Levit und Priester gehen, und den Weg Gottes.
Levit und Priester gehen eigentlich nur ihren guten Pflichten nach. Sie sind ordentlich und zutiefst Gehorsam. Ihre Plichten sind gut, denn sie ermöglichen den Dienst im Jerusalemer Tempel.
Es ist also nicht verkehrt, seine Pflicht treu und brav zu erfüllen. Gar nicht verkehrt.
Und doch reicht es nicht, wenn Gott ins Spiel kommt und einen Extrawunsch hat. Auf Reisen zu sein, um urplötzlich Wundarzt, Rettungssanitäter und schließlich Wohltäter spielen zu dürfen, ist eine große Zumutung. Wir wissen nichts davon, ob der barmherzige Samariter eine Ausbildung für seinen neuen Job als Lebensretter hatte.
Wir wissen allerdings ganz genau das, was der barmherzige Samariter selbst wusste: „Entweder ich helfe oder niemand tut es!“
Das Bedrängende an der Nächstenliebe ist in meinen Augen die Einsamkeit der Christen unter den herzlosen Gottlosen: Tausende gehen scheinbar teilnahmslos vorbei, der Christ allerdings soll helfen.
Es ist keine schöne Welt, immer wieder in der immergleichen Weise ausgenutzt zu werden und die Frage ist erlaubt: „Kann ich die Glasscherben vor dem Kirchenportal am Sonntagmorgen in aller Herrgottsfrühe von sieben Uhr dreißig nicht einfach liegen lassen?“
Im biblischen Beispiel vom barmherzigen Samariter geht es genau besehen durchaus um so etwas wie Kapazitäten: der Samariter hat genau einen Esel, der genau einen Schwerkranken tragen kann.
Und so bekommen wir nicht das Leid der ganzen Welt von Gott aufgebürdet, sondern ein konkretes Leid.
Und im biblischen Beispiel kündigt der Samariter am Ende des Gleichnisses an, seines Weges zu ziehen, um seinen Geschäften nachzugehen.
Erholung, Geschäfte und Barmherzigkeit – das alles müssen keine Gegensätze sein. Auf die Reihenfolge kommt es an.
Nein, wir Christen machen uns nicht lächerlich, wenn wir Barmherzigkeit üben. Es sind die Herzlosen, die sich fragen lassen müssen, warum sie nicht mithelfen, unsere Erde zu verschönern.
Im Poesiealbum meiner Mutter steht ein lebenskluger Spruch ihrer Lehrerin: „Du und ich sind auf der Erde, damit sie schöner werde.“
Und im Poesiealbum Jesu, dem Evangelium, steht die Mahnung: „Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert. Wer das Leben findet, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“[5] (Lk 10,38f)
Lassen wir uns von Gott herausfordern und fordern wir nicht ihn heraus!
[1] Matthäus 7 | Einheitsübersetzung 2016 :: ERF Bibleserver (abgerufen am 21.10.2021).
[2] Lukas 10 | Einheitsübersetzung 2016 :: ERF Bibleserver (abgerufen am 21.10.2021).
[3] Lukas 12,7 | Einheitsübersetzung 2016 :: ERF Bibleserver (abgerufen am 21.10.2021).
[4] Zitiert nach: Don Quijote – Wikipedia (abgerufen am 21.10.2021).
[5] Matthäus 10 | Einheitsübersetzung 2016 :: ERF Bibleserver (abgerufen am 21.10.2021).
