Nächstenliebe IV

Nächstenliebe IV: die Jesus-Revolution des Neuen Gebotes

Liebe ist so eine schöne Angelegenheit: müsste doch eigentlich klar sein, dass sie sich von selbst erklärt, so scheint es.

Morgen ist der Christkönigsonntag, an welchem wir Jesus Christus und Sein Königtum feiern. Dabei müssen wir erkennen: im Augenblick liegt Sein Reich, die Kirche, so ziemlich am Boden.

Was also macht es so schwierig, unseren Nächsten zu lieben? Und welche guten Vernunftgründe gibt es, dennoch zu lieben – ungeachtet des Hasses und der Gewalt in unserer Zeit?

  1. Definition: Liebe ist mehr als ein Wort mit fünf Buchstaben

Der größte Kirchenlehrer aller Zeiten, Thomas von Aquin, bringt es auf den Punkt: „‘Lieben heißt jemandem Gutes wollen‘“[1].

Das ist ganz einfach: seinem Nächsten Gutes wünschen, z.B. im Gebet, und ihn wenigstens nicht hassen.

Klingt banal und scheint ganz einfach durchführbar.

Unserem Nächsten kommt kraft Schöpfungsakt Gottes Ebenbildlichkeit zu: jeder Mensch spiegelt etwas von Gott wider. Eine einzigartige Botschaft.

In einem gewissen Sinn sind wir Christen die Erfinder des Gedankens der Menschenrechte, für die gilt: „Als Menschenrechte werden moralisch begründete, individuelle Freiheits– und Autonomierechte bezeichnet, die jedem Menschen allein aufgrund seines Menschseins gleichermaßen zustehen.[1] Sie sind universell (gelten überall für alle Menschen), unveräußerlich (können nicht abgetreten werden) und unteilbar (können nur in ihrer Gesamtheit verwirklicht werden).[2][2]

Nur die Begründung ist anders: Gott!

Nicht die menschliche Moral mit ihrer so wichtigen Vernunft, sondern die Ebenbildlichkeit kraft Schöpfung.

So haben Ungeborene im Mutterleib und geistigbehinderte Menschen ohne Vernunft Menschenrechte.

  1. Die Jesus-Revolution: das Neue Gebot der Liebe

Jesus Christus spricht: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“[3]

Dabei geht es über die Schar der Apostel weithinaus: ER spricht sein Neues Gebot zu Seinen Aposteln, meint allerdings alle Menschen.

In der Bergpredigt führt Unser Meister aus: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen […] Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? […] Tun das nicht auch die Heiden?“[4]

Alle Menschen zu lieben, ist auf den ersten Blick einfach und leicht zu verstehen. Auf den zweiten Blick geht es weiter: es gibt die Guten und die Bösen, die Freunde und die Todfeinde.

Einen Menschen lieben, der meinen Tod will: echt jetzt?

  1. Feindesliebe hat nichts mit Romantik zu tun

Seinen Feind zu lieben ist nicht gerecht. Wenn ich nett und freundlich bin: warum soll ich die Unhöflichen und Unleidigen lieben?

Sicher, meistens, wenn wir in einer gesitteten Gesellschaft leben, macht es immer einen guten Eindruck, gute Manieren zu haben. Das hebt das Selbstwertgefühl und das Prestige bei den anderen ebenfalls.

Gerecht ist es nicht.

Sicher, es gibt bei dem Wohlfühlfaktor so einen gewissen pädagogischen Touch: bin ich nett, wenn der andere es nicht ist, fühlt er sich vielleicht ertappt und bessert sich. Ist ein guter Grund, nett zu sein, wenn es der andere nicht ist.

Und doch: Jesus möchte, dass seine Apostel immer nett sind.

In Seiner Bergpredigt ruft er dazu auf: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“![5]

Verfolgung ist nicht nett und kann zum Tode führen. Elf Seiner Apostel starben als Märtyrer, nur Johannes starb in der Verbannung.

  1. Das Gegenteil: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“

Auf Latein nennt man den Rechtssatz des Mosaischen Gesetzes ‚Auge um Auge‘[6] das Ius talionis[7], welches man im Alltag so umschreiben kann: „Wie du mir, so ich dir.“

Oder im schon genannten Beispiel des Fernlichtes beim Autofahren: ich beantworte das nicht abgeblendete Fernlicht des Anderen mit meinem eigenen Fernlicht – und gut ist es, manchmal.[8]

In vielen Alltagssituationen klappt das gut, das ist nicht zu bestreiten. Manchmal hilft es sicher, auf die Grobheiten des Nächsten nicht einfach mit Freundlichkeit zu antworten, denn dieser könnte es als Belohnung ansehen.

Genau besehen hat das Ius talionis einen großen Mangel: es beschränkt sich alleine auf die Gegenwart, denn es ist nichts Anderes als eine Art Reflex auf das, was schon geschehen ist.

Es wird versucht, in der Gegenwart ein Gleichgewicht herzustellen: nur für die Gegenwart.

Ich nehme mir mein Recht im Grundsatz des ‚Auge um Auge‘, indem ich dem anderen genau den Schaden zu füge, von dem allein ich meine, er sei mir zugefügt worden.

Ziemlich lustige Züge findet das in jeder Kleingartenkolonie – im Kampf um jeden Grashalm der vom Nachbargrundstück hinüberschaut.[9]

Der Gleichgewichtszustand ist sozusagen an seinem Ende, wenn beiden Beteiligten ein Auge fehlt.

Was nun, wenn der Krieg weitergeht, ja, zu einem Vernichtungskrieg wird?

Das Ausstechen von Augen geschieht selten als chirurgischer Eingriff. Es ist also anzunehmen, dass die Blessuren, die im Kampf entstehen, wenn der eine dem anderen das Auge aussticht, nicht gering sind.

Der Gleichgewichtszustand des ‚Auge um Auge‘ setzt also ebenfalls gleichwertige Gegner voraus, wobei derjenige, der schon sein Auge verlor, vorher der Stärkere gewesen sein muss, damit er überhaupt die Chance bekommt, dem anderen das Auge auszustechen. Und so weiter und so fort.

Da es um schwere Körperverletzung geht, dürfte der Noch-nicht-Einäuge selten bereit sein, die Strafumsetzung zu erdulden. Und er dürfte nach Strafvollzug selten bereit sein, von Rache abzusehen.

  1. Die Jesus-Revolution: Erinnerung an unsere eigene Sünde

Jesus leugnet nicht, dass der Grundsatz des ‚Auge um Auge‘ im Mikrokosmos des Alltags funktioniert. Wer will es leugnen.

Jesus meint allerdings, dass das Gebot der Nächstenliebe, die den Feind ebenfalls meint, also alle Menschen auf Erden, über die Gegenwart hinausgreift.

Jesus möchte, dass wir uns die Frage stellen: Woher kommt die Gewalt? Warum hassen wir Menschen einander?

Und die Antwort Gottes ist klar: es nicht einfach ein menschlicher Fehler, zu hassen und dem anderen ein Auge auszustechen, nein, es ist Sünde.

Jesus lehrt uns, unserer eigenen Vergangenheit als Sünder zu erinnern. Wir brauchen als Christen also Buße und Umkehr: nicht Rache in der Gegenwart, sondern Vernunft und Mut, uns unsere Vergangenheit als Sünder zu stellen.

Der Völkerapostel Paulus stellt fest: „der Lohn der Sünde ist der Tod“[10]. Nach Gottes Recht haben alle Menschen den Tod verdient.

Wenn wir also lieben, die uns hassen, dann schenken wir unserem Nächsten das Leben, das Gott uns geschenkt hat.

Oder wie es im Vaterunser steht, das uns Jesus Christus in seiner wunderbaren Bergpredigt lehrt: „Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“[11]

Das Ius talionis ist also auf dieser Erde durch das Neue Gebot aufgehoben, aber es ist Gottes Gesetz für den Himmel: wer wirklich keine Lust auf den Willen Gottes hat, der bekommt, was er will, nämlich den Willen des Teufels in der Hölle. Basta.

Im Folgenden habe ich mir ein paar Vernunftgründe überlegt, wie es uns leichter fällt, unseren Nächsten zu lieben.

  1. Wer nicht liebt, muss hassen

Irgendwann las ich in meiner geliebten FAZ eine Buchbesprechung über einen Hitler-Attentäter, in welcher der Vater seinem Sohn Mut macht und ihm sinngemäß schreibt: „Wenn du in einer wichtigen Entscheidung zum Feigling wirst, wirst du deines Lebens nicht mehr froh sein. Du wirst ein anderer sein.“[12]

Das ist wahr: die Liebe ist riesig, die Liebe ist warm. Sie ist wie Gott. Wenn wir hassen, werden wir klein, irdisch und rachsüchtig. Wir verändern uns und unseren Charakter. Die Liebe hat immer ihren Preis.

  1. Liebe baut auf und hat den längeren Atem: Der Feind kann umkehren

Es ist ja nur zu wahr: wenn ich als elender Sünder mich bekehren kann, warum sollte es mein nächster Feind nicht können?

Damit ist der elende Kreislauf des Bösen sofort beendet: wenn der Böse zum Guten wird.

  1. Die Vergangenheit des Bösen wird aufgearbeitet: Strukturen können aufbrechen

Christen können Brücken bauen. Manchmal braucht es einen Wasserbrunnen, eine Schule oder einen Kredit, damit Gutes entsteht.

Wir Menschen möchten Unabhängigkeit und Freiheit – wie die Liebe zu Gott. Die Umkehr zu Gott braucht manchmal einen materiellen Schutzraum, zumindest ist es einfacher in ihm.

  1. Liebe leitet die Vernunft, Hass macht blind

Das Ius talionis hat seinen guten Sinn im Mikrokosmus des Alltags. Grundsatzfragen brauchen Ruhe und vor allen Dingen viel Vernunft.

Es ist vernünftig, den Dingen auf den Grund zu gehen und den Hass auszutrocknen. Wir müssen in der Vergangenheit graben, um die Gegenwart verstehen zu können.

Jede Wirkung in der Gegenwart hat ihre Ursache in der Vergangenheit.

Der christliche Glaube ist so schön, weil er die Vernunft mit einbezieht.

[1] Summa theologica 1-2, 26,4 (zitiert nach Katechismus der Katholischen Kirche 1766).

[2] Menschenrechte – Wikipedia (abgerufen am 20.11.2021).

[3] Joh 13,34.

[4] Mt 5,44b. 46a. 47b.

[5] Mt 5,44b.

[6] Auge für Auge – Wikipedia (abgerufen am 20.11.2021).

[7] Talion – Wikipedia (abgerufen am 20.11.2021).

[8] Nächstenliebe III – Stephanus Berolinensis (abgerufen am 20.11.2021).

[9] Maschendrahtzaun – Best of TV total – YouTube (abgerufen am 20.11.2021).

[10] Röm 6,23.

[11] Mt 6,15.

[12] Leider habe ich mir den Artikel nicht aufgehoben: wer weiß, was ich meine, meldet sich bitte!

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