Über das Verhältnis von Eigenliebe und Sünde
Berlin, 30.November 2021
Am Anfang meiner Bekehrung vor dreißig Jahren stand der Gründer des Protestantismus, weil ich evangelisch getauft war und nichts Anderes kannte: Martin Luther, der mit kräftigen Worten wichtige Lehren Jesu überspitzte.
Ich war damals fünfundzwanzig Jahre jung und begeistert, wie schön radikal der Wittenberger formulierte.
Schmissig klingt die erste These der weltberühmten 95 Thesen vom Schicksalsjahr 1517: „Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: ‚Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“, wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei.‘“[1]
Während die blöden werkgerechten Katholiken nur eine Bußzeit von vier Monaten haben – vor Ostern –, soll es bei Luther das ganze christliche Leben sein: von der Wiege bis zur Bahre; klingt irgendwie nach dem gewissen Etwas.
Das ganze Leben soll eine Buße sein: das kann ja nur bedeuten, dass alles verkehrt ist. Und richtig: keine zwanzig Jahre später formulierte er in der ‚Großer Galatervorlesung‘ von 1535, dass der Mensch nicht Ebenbild Gottes sei (imago Dei), sondern Zerrbild des Teufels (imago Satanae).[2]
Zu diesem Standpunkt zählt ebenfalls die so griffige Formel, wonach der Mensch in sich selbst verkrümmt sei (homo incurvatus in se ipsum)[3] – quasi wie eine Schnecke in ihrem Haus.
Den wenigsten stößt dabei auf, dass diese Lehre im Tiefsten nicht an das Evangelium erinnert, sondern an den Manichäismus, also die Einbildung, die materielle Schöpfung sei Böse, nur der Geist zähle.[4]
Luther war konsequent genug, um in diese Richtung weiter zu gehen. Seine Hauptschrift ‚Vom unfreien Willen‘ (De servo arbitrio) lehrt den Unterschied vom Deus absconditus als Schöpfergott[5], den wir per se nicht verstehen, und dem Deus praedicatus als Sohn Gottes, der für unser Heil zuständig ist.[6]
- Warum ist die Eigenliebe so wichtig?
Wenn das, was da ist, die Schöpfung also, nicht mehr Gott widerspiegelt, braucht sie letztlich weder Schutz noch Hilfe: sie ist rettungslos gefallen.
Wenn die Schöpfung so missgestaltet ist, dass sie nicht mehr Gott widerspiegelt, sondern den Teufel, so gibt es letztlich keinen Grund, Gott zu danken.
Im Gegenteil müssten wir Menschen Gott zur Zerstörung der Schöpfung auffordern: nicht Liebe zu Gott aus Dankbarkeit wäre also die Folge, sondern reiner Selbsthass.
Zudem wäre ebenfalls die Frage nach der Nächstenliebe: wenn mein Nächster ebenfalls eigentlich nur hassenswert ist, weil er Zerrbild des Teufels ist – was kann ich an ihm lieben, wenn eigentlich nichts Liebenswertes vorhanden ist?
Die Frage der Eigenliebe geht also tiefer als Martin Luther verstanden hat. Was an ständiger Buße so radikal klingt, ist letztlich unhaltbar, weil sein Denken voller Widersprüche ist.
Luther hatte diese Art und Weise des Aufstellens von theologischen Thesen 1518 als paradoxa bezeichnet, die nicht mit der Vernunft zu verstehen seien.[7]
Folglich bekräftigte er seine neue Lehre und stellte gegen die päpstliche Bannandrohungsbulle weitere Thesen (assertiones).[8]
- Eigenliebe ist vernünftig
Letztlich geht es hier um Kern und Stern der Liebe überhaupt. Gibt es nichts Liebenswertes, weil es der Verdammnis anheimgegeben ist, braucht es Liebe gerade nicht.
Liebe ist eine schöpferische Antwort auf das, was Gutes schon da ist. Die menschliche Liebe setzt also voraus, dass die Schöpfung zwar gefallen ist, aber dennoch weiterhin Gutes enthält.
Ja, wir Menschen sind krank vor falscher Eigenliebe, dennoch ist unsere Krankheit heilbar. Sie ist deswegen heilbar, weil wir einen verkümmerten freien Willen haben.
- Eigenliebe und Sünde
Ein von der Sünde todkranker Mensch kann seine Lage erkennen und Gott um Hilfe anrufen – so wie ein Ertrinkender dies ebenfalls kann.
Es gibt sicher noch andere Bilder, z.B. eines Todkranken oder Verschütteten. Die Frage muss lauten: Ist der Mensch als Ebenbild Gottes in der Lage, Gott um Hilfe anzurufen?
Wer diese Frage verneint, muss sich selbst als willenlose Marionette in den Händen der Menschen, aber vor allen Dingen Gottes ansehen.[9]
Wer diese Frage bejaht, muss sich selbst bejahen, weil es sonst nichts Schützenswertes gibt. Das heißt natürlich nicht, dass im Menschen alles schützenswert ist. Nein, nicht alles, sondern alles – außer der Sünde.
- Drei Arten von Sünden: gegen Gott, den Nächsten und sich selbst
Der ‚Katechismus der Katholischen Kirche‘ stellt eindeutig fest: „Wie alle menschlichen Handlungen kann man die Sünden nach ihrem Gegenstand unterscheiden oder nach den Tugenden, zu denen sie durch Übertreibung oder Mangel im Gegensatz stehen, oder nach den Geboten, denen sie widersprechen. Man kann sie auch in Sünden gegen Gott, gegen den Nächsten und gegen sich selbst einteilen“[10].
Und weiter lehrt die Kirche: „Wie der Herr lehrt, liegt die Wurzel der Sünde im Herzen des Menschen, in seinem freien Willen […] Im Herzen wohnt auch die Liebe, die Ursprung der guten und reinen Werke ist. Diese wird durch die Sünde verwundet.“[11]
Es ist ja klar: wenn es Sünden gegen den Nächsten gibt, muss es Sünde sein, sich selbst zu hassen.
Dabei ist das Spektrum der geordneten Eigenliebe denkbar groß und die der Sünde ebenfalls.
- Lässliche Sünde
Der ‚Katechismus‘ stellt fest: „Die läßliche Sünde schwächt die göttliche Tugend der Liebe; in ihr verrät sich eine ungeordnete Neigung zu geschaffenen Gütern; sie verhindert, daß die Seele in der Übung der Tugenden und im Tun des sittlich Guten Fortschritte macht; sie zieht zeitlichen Strafen nach sich.“[12]
Hier nun ist es ganz leicht zu verstehen, warum die Eigenliebe (amor sui) so manches Mal als die Ursünde schlechthin bezeichnet wird: wenn sie sich als alleingeltend versteht. Die Eigenliebe vermag sich nicht mehr einzuordnen. Sie verstößt so gegen Gott, der die Seele geschaffen hat, und will die Notwendigkeit des Gemeinwohls, also die Liebe zum Nächsten, nicht erkennen.
- Todsünde
Thomas von Aquin erklärt: „‘Wenn der Wille sich zu etwas entschließt, was der Liebe, durch die der Mensch auf das letzte Ziel hingeordnet wird, in sich widerspricht, ist diese Sünde von ihrem Objekt her tödlich‘“[13].
Gotteshass, Hass auf den Nächsten und eben Selbsthass sind tödliche Sünden.
Zum vollendeten Selbsthass, dem Selbstmord, schreibt der Katechismus: „Der Selbstmord widerspricht der natürlichen Neigung des Menschen, sein Leben zu bewahren und zu erhalten. Er ist eine schwere Verfehlung gegen die rechte Eigenliebe.“[14]
Vielleicht lässt sich die Todsünde mit der Leidenschaft des Hasses beschreiben: wer hasst, sei es Gott, den Nächsten oder sich selbst, sündigt tödlich.
- Fazit: am Anfang der menschlichen Liebe steht die Eigenliebe
Der Katechismus stellt fest: „Die Liebe zu sich selbst bleibt ein Grundprinzip der Sittenlehre. Somit darf man sein eigenes Recht auf das Leben geltend machen. Wer sein Leben verteidigt, macht sich keines Mordes schuldig, selbst wenn er gezwungen ist, seinem Angreifer einen tödlichen Schlag zu versetzen“[15].
So gesehen bleibt die Goldene Regel Jesu das natürliche Grundgesetz des Reiches Gottes, das auf Liebe aufgebaut ist: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!“[16]
Martin Luther hat letztlich auf Sand gebaut: der Protestantismus zerfällt in Tausende von kirchlichen Gemeinschaften.[17]
Und das alleine deswegen, weil sie der Eigenliebe und dem freien Willen keinen rechten Platz zuweist und deshalb der Vernunft nicht einsichtig ist.
[1] 95 Thesen – EKD (abgerufen am 30.11.2021).
[2] Flacius, De essentia originalis iustitiae et iniustitiae : Controversia et Confessio (controversia-et-confessio.de) (abgerufen am 30.11.2021).
[3] Incurvatus in se – Wikipedia (abgerufen am 30.11.2021).
[4] Manichäismus – Wikipedia (abgerufen am 30.11.2021).
[5] Deus absconditus – Wikipedia (abgerufen am 30.11.2021).
[6] „Daß der freie Wille nichts sei“ – Der unfreie Wille bei Luther – evangelische aspekte (evangelische-aspekte.de) (abgerufen am 30.11.2021).
[7] Heidelberger Disputation – Wikipedia (abgerufen am 30.11.2021).
[8] Assertio Omnium Articulorum M. Lutheri, per Bullam Leonis, X. novissimam damnatorum (uni-jena.de) (abgerufen am 30.11.2021).
[9] Das Bild der Marionette hat allen Ernstes ein evangelischer Professor in einer Vorlesung gebracht: Michael Meyer-Blanck.
[10] KKK 1853; vgl. Katechismus der Katholischen Kirche (vatican.va) (abgerufen am 30.11.2021).
[11] KKK 1853; vgl. Katechismus der Katholischen Kirche (vatican.va) (abgerufen am 30.11.2021).
[12] KKK 1863; vgl. Katechismus der Katholischen Kirche (vatican.va) (abgerufen am 30.11.2021).
[13] KKK 1856; vgl. Katechismus der Katholischen Kirche (vatican.va) (abgerufen am 30.11.2021).
[14] KKK 2281; vgl. Katechismus der Katholischen Kirche (vatican.va) (abgerufen am 30.11.2021).
[15] KKK 2264; vgl. Katechismus der Katholischen Kirche (vatican.va) (abgerufen am 30.11.2021).
[16] Mt 7,12a.
[17] Protestantismus – Wikipedia (abgerufen am 30.11.2021).
