Das Liebesgebot Jesu
Berlin, 9.April 2022 (Überarbeitung am 10.4.2022)
Beim Propheten Daniel haben wir im neunten Kapitel in den Versen 24-27 gelesen, wie zuerst der Gesalbte Gottes, der Messias, stirbt und schließlich ein „Fürst“ über Israel und seinen Tempel herrschen wird.
Wir haben gesehen, dass sich ohne Schwierigkeiten die Prophezeiung Daniels auf Jesus Christus deuten ließ.
Und wir wissen aus der Geschichte Israels, dass der Jerusalemer Tempel im Jahre 70 zerstört wurde[1], vierzig Jahre nach dem Tode Jesu.
Vor seinem Tod hat Jesus Christus prophetisch die Tempelzerstörung vorhergesagt und seine Jünger gewarnt.[2]
Vor allen Dingen hat er das Gesetz des Moses neu ausgelegt, so dass es möglich wurde, Gottes Gesetz ohne den Jerusalemer Tempel zu halten.
Wenn also der Gesalbte Gottes vor der Tempelzerstörung das Mosaische Gesetz so ändert, dass es ohne den Jerusalemer Tempel zu halten ist, muss der Sohn Gottes ein Wissen gehabt haben, welches nicht von dieser Welt sein kann.
- Mose prophezeit den Zweiten Mose: Legislator Novus
Im Buch Deuteronomium[3], also ungefähr 600 Jahre vor der Geburt Jesu, spricht Mose: „Einen Propheten wie mich wird dir der HERR, dein Gott, aus deiner Mitte, unter deinen Brüdern, erstehen lassen. Auf ihn sollt ihr hören.“[4]
Auf Hebräisch heißt es: נָבִ֨יא מִקִּרְבְּךָ֤ מֵאַחֶ֨יךָ֙ כָּמֹ֔נִי יָקִ֥ים לְךָ֖ יְהוָ֣ה אֱלֹהֶ֑יךָ אֵלָ֖יו תִּשְׁמָעֽוּן .[5]
Damit ist nicht gesagt, dass alles, was Mose als Gesetz Gottes offenbart hat, nicht mehr gültig sein soll.
Damit ist gesagt, dass es einen Nachfolger des Moses gibt, der mehr weiß, als Mose selbst. Jesus Christus, der Gesalbte Gottes, offenbart den Willen Gottes besser als Mose.
ER ist der neue Gesetzgeber, der Novus Legislator.
- Jesus offenbart das Neue Gesetz
„Gott ist Liebe“[6], so bezeugt der Evangelist Johannes. Das klingt wie ein romantisches Bekenntnis.
Jesus Christus spricht: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“[7]
Jesus spricht davon, dass die Christen, seine Jünger also, alle Menschen auf der ganzen Welt lieben sollen: ohne jede Ausnahme.
Das beinhaltet selbstverständlich die Feinde Gottes ebenfalls. In der großartigen Bergpredigt heißt es: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“[8]
Um es auf den Punkt zu bringen: mit Jesus ist kein Staat zu machen! Das universelle Liebesgebot und besonders die Feindesliebe sind im Staat Israel nicht zu verwirklichen. Ein Staatsgesetz, das diese beiden Forderungen durchsetzen möchte, ist nicht möglich.
Das neue Liebesgebot Jesu passt also haargenau zu der Prophetie Daniels, wonach der Tempel zerstört wird und es keinen „Fürsten“ in Israel mehr gibt, der mit staatlicher Gewalt für Recht und Ordnung sorgt.
Was genau besagt das Gesetz des Moses?
- Das Gesetz des Moses und der Jerusalemer Tempelkult
Die Israeliten waren vielfältigen Gesetzen, Geboten, Verboten, Vorschriften und Anweisungen unterworfen: fast das gesamte Leben war damit geregelt.
Dies alles war niedergelegt worden in den fünf Büchern Mose, der Tora[9].
Es gab zum Beispiel Gesetze
- Über den König: Dtn 17,14-20.
- Über Kredite: Dtn 15,7-11.
- Über Feste: Dtn 16,1-15.
- Über die Städte für die Leviten: Num 35,1-5.
- Über Asylstädte: Num 35,6-34.
- Über die Landzuteilung bei der Eroberung Israel östlich des Jordans: Num 32
- Über die Landzuteilung bei der Eroberung Israels jenseits des Jordans: Num 33,50-56 + Num 34.
Zudem gab es jede Menge Speisegebote, die die Fragen von Rein- und Unreinheit betreffen.[10]
All diese Gesetze drücken den Willen Gottes zum Volk Israel aus. Und sie dienen der Abgrenzung von den Heiden, den Gojim.[11]
- Nächstenliebe im Mosaischen Gesetz und bei Jesus Christus
Jesus gebietet in seiner wundervollen Bergpredigt: „Du sollst deinen Nächsten lieben“[12].
Und dies ist ein Zitat aus dem Alten Testament, aus dem Buch Leviticus: „Du sollst deinen Nächsten lieben“[13].
Der Unterschied liegt in der Zielgruppe: Jesus fordert die Liebe zu allen Menschen, auch den Feinden.
Mose will die Liebe zum eigenen Volk und allen, die dazugehören: Fremdlinge[14], Sklaven[15] und Proselyten[16].
Den Angehörigen der Fremdvölker, also zum Beispiel Kanaaniter, Ägypter, Babylonier und Römer, galt die Liebe der Israeliten nicht.
Zum einen führte das Volk Israel auf Anweisung des Moses Kriege mit größter Grausamkeit, indem es die so genannte Vernichtungsweihe[17] vollzog: „Aus den Städten dieser Völker jedoch, die der HERR, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, darfst du nichts, was Atem hat, am Leben lassen.“[18]
Und zum anderen waren Juden strikt im bürgerlichen Alltag von Heiden getrennt. Ein deutliches Beispiel ist der Apostel Petrus, der sich standhaft geweigert hat, das Haus eines Heiden, des römischen Hauptmanns Cornelius, auch nur zu betreten.[19]
Die Nächstenliebe im Christentum ist also auf alle bezogen: universell. Die Nächstenliebe im Judentum bleibt auf den Kreis der Juden und aller, die zu ihnen im weitesten Sinn gehören, bezogen.
- Das königliche Gebot: die Goldene Regel
Das Liebesgebot Jesu Christi ist ganz einfach zu verstehen. Es steht in der wundervollen Bergpredigt: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!“[20]
Wir sollen uns fragen: was ich von anderen bekommen will, das tue ich ihnen auch. Einfacher geht es nicht.
Jeder Christ muss nur einen Perspektivenwechsel vollziehen: ich tue etwas, damit es die anderen auch tun.
Vielleicht liegt hier der größte Unterschied zum Gesetz des Moses: der Christ tut etwas in Vorleistung, weil er mit Recht erwarten kann, dass der andere es auch tut. Tut der andere es nicht, so ist es dennoch gutgetan, weil es die Feindesliebe beinhaltet.
Das Mosaische Gesetz betreibt im Letzten Besitzstandswahrung, das als Bedingung den staatlichen Schutz benötigt, um die Feinde im Widerspruchsfall zu bezwingen.
Das königliche Gesetz Christi liebt dagegen bedingungslos alle – selbst die Feinde. Es benötigt gerade keinen Staat, weil die Liebe mit Vernunft gewinnen will. Sie will und kann nicht mit Zwang arbeiten, sonst wäre sie keine Liebe.
Das königliche Gesetz der Liebe benötigt also einen König, der ein Reich führt, das nicht von dieser Welt ist.
Jesus Christus, der Gesalbte Gottes, antwortet dem römischen Statthalter Pontius Pilatus: „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn mein Königtum von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Nun aber ist mein Königtum nicht von hier.“[21]
Der Sohn Gottes ist also vor der Zerstörung des Tempels gekommen, um die Liebe zu bringen, die staatlichen Zwang nicht benötigt, ja nicht benötigen kann.
Denn die göttliche Liebe gehört allen: Guten und Bösen, Frommen und Gotteslästern, Friedfertigen und Gewalttätern.
Bis heute ist der Jerusalemer Tempel zerstört, nur die Westmauer, die heutige Klagemauer, steht. Der Sohn Gottes kam 40 Jahre vor der Zerstörung, um das Mosaische Gesetz zu erweitern und alle Menschen zu lieben: Punktlandung!
[1] Eroberung von Jerusalem (70 n. Chr.) – Wikipedia (abgerufen am 9.4.2022).
[2] Z.B. in Matthäus 24,1f.
[3] Deuteronomistisches Geschichtswerk – Wikipedia (abgerufen am 9.4.2022).
[4] Deut 18,15.
[5] Lesen im Bibeltext :: bibelwissenschaft.de (abgerufen am 10.4.22)
[6] I Joh 4,8.
[7] Joh 13,34f.
[8] Mt 5,44f.
[9] Tora – Wikipedia (abgerufen am 9.4.22).
[10] Jüdische Speisegesetze – Wikipedia (abgerufen am 9.4.22).
[11] Goi – Wikipedia (abgerufen am 9.4.22).
[12] Mt 5,43a.
[13] Lev 19,18b.
[14] Der Fremdling im Land – Israelnetz (abgerufen am 9.4.22).
[15] Sachwort (die-bibel.de) (abgerufen am 9.4.22).
[16] Sachwort (die-bibel.de) (abgerufen am 9.4.22).
[17] Bann (Bibel) – Wikipedia (abgerufen am 9.4.22).
[18] Dtn 20,16.
[19] Hauptmann Kornelius – Wikipedia (abgerufen am 9.4.22).
[20] Mt 7,12a.
[21] Joh 18,36.
