Der Gottesknecht in Jesaja 53,10
Berlin, 13.April 2022
- Gerechtigkeit nach dem Sündenfall – Sintflut
Gott spricht zu Kain[1], nachdem dieser seinen Bruder Abel ermordet hat: „Das Blut deines Bruders erhebt seine Stimme und schreit zu mir vom Erdboben.“[2]
Kain hat eine himmelschreiende Sünde begangen, weil er kaltblütig aus niedrigsten Beweggründen, aus reiner Eifersucht, seinen leiblichen Bruder umgebracht hat.
Das Urteil über Kain ist im Wesentlichen das, was Gott über alle Menschen spricht: „Die Erde war vor Gott verdorben, die Erde war voller Gewalttat. Gott sah sich die Erde an und siehe, sie war verdorben; denn alle Wesen aus Fleisch auf der Erde lebten verdorben.“[3]
Der Sündenfall im Paradies und seine schwerwiegenden Folgen sind genau das Thema der Heiligen Schrift: wie geht Gott mit der menschlichen Sünde um? Und wie können wir Menschen mit unserer Sünde umgehen?
Um Gerechtigkeit zu üben, blieb Gott zunächst nur die Möglichkeit, die Menschen zu bestrafen: Blut für Blut heißt – Leben für Leben.
- Der Auszug Israels aus Ägypten: das stellvertretende Opfer
Weil der ägyptische Pharao die Kinder Israel nicht aus der Sklaverei Ägyptens freigeben wollte, strafte ihn Gott mit zehn Plagen[4].
Die letzte der zehn Plagen war die schlimmste: die Tötung aller männlichen Erstgeburten der Ägypter.
Weil die Ägypter so hart für ihre Sünden bestraft wurden, entstand die Frage: und die männliche Erstgeburt der Israeliten – sind Israeliten ohne Sünde?
Und so kam es zum stellvertretenden Opfer: nicht mehr die Menschen sollen sterben, sondern ein anderes Lebewesen – an dessen Stelle.
Es war derselbe Israelit Mose, der die Kinder Israels aus Ägypten führte, der von Gott das Gesetz über den Opferkult empfing.
- Grundsatz im Opferkult
Im dritten Buch Mose im siebtzehnten Kapitel steht der Grundsatz für die Versöhnung mit Gott: „Denn das Leben des Fleisches ist im Blut. Und ich selbst habe es für euch auf den Altar gegeben, um für euer Leben Versöhnung zu erwirken; denn das Blut ist es, das durch Leben Versöhnung erwirkt.“[5]
Der Opferkult, wie Mose es den Israeliten in der Tora überliefert, beruft sich auf diesen Grundsatz: blutige Tieropfer bringen den Kinder Israel die Versöhnung mit Gott für ihre Sünden.
Dies wird dann genauestens in vielen Einzelbestimmungen ausgeführt, so im Heiligkeitsgesetz Lev 19-26.[6]
Es gibt drei Geschehnisse, in denen von einem Menschenopfer die Rede ist, das von einem leiblichen Menschenkind selbst kommt: Abrahams Sohn Isaak, die Tochter Jiftahs und der erstgeborene Sohn eines moabitischen Königs.
- Menschenopfer I: Abrahams Sohn Isaak
Das erste Menschenopfer ist der Sohn Abrahams, Isaak. Isaak war ein erwünschtes Kind, das Abraham im hohen Alter bekam.
Gott spricht zu Abraham: „geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar“[7]
Die hebräische Wendung für ‚als Brandopfer darbringen‘ lautet: הַעֲלֵ֤הוּ שָׁם֙ לְעֹלָ֔ה .
- Menschenopfer II: Jiftachs Tocher
Das zweite Menschenopfer ist die Tochter Jiftachs[8], von der ihr Vater schwört, sie im Siegesfall „als Brandopfer darbringen.“[9] Wenn also Gott dem streitbaren Anführer den Sieg über die Feinde Israels, die Ammoniter bringt. Auf Hebräisch steht für ‚Brandopfer darbringen‘: הַעֲלִיתִ֖הוּ עֹולָֽה .
- Menschenopfer III: der moabitische Königssohn
Der Grundsatz ‚Blut für Blut‘ gilt nicht nur für jüdische Blut, sondern auch für heidnisches. Im zweiten Königsbuch, im dritten Kapitel, Vers 27, wird geschildert, wie ein moabitischer König den Angriff Israels in letzter Minute abwehrt, indem er seinen eigenen Sohn[10] opfert: „Nun nahm er seinen erstgeborenen Sohn, der nach ihm König werden sollte, und brachte ihn auf der Mauer als Brandopfer dar. Da kam ein gewaltiger Zorn über Israel. Sie zogen von Moab ab und kehrten in ihr Land zurück.“[11]
Im Hebräischen steht für die deutsche Übersetzung von ‚brachte als Brandopfer dar‘: וַיַּעֲלֵ֤הוּ עֹלָה֙ .
- Der Fachausdruck הַעֲלֵ֤הוּשָׁם֙ לְעֹלָ֔ה
Wie wir gesehen haben, steht an allen drei wichtigen Belegstellen der gleiche Fachausdruck: הַעֲלֵ֤הוּ שָׁם֙ לְעֹלָ֔ה . Der Begriff ist der terminus technicus für die Darbringung eines Ganzopfers: holocaustum.
So begegnet dieser terminus technicus z.B. in Leviticus 15,7: אֲשֶׁר־יַעֲלֶ֥ה עֹלָ֖ה .
- Erstgeburt
Gott allein gehört die ganze Schöpfung. Zum Zeichen dafür sind die Erstgeborenen von Besonderheit. Von ihnen heißt es: „Erkläre alle Erstgeburt als mir geheiligt! Alles, was bei den Israeliten den Mutterschoß durchbricht, bei Mensch und Vieh, gehört mir.“[12]
Und bei den drei Belegstellen handelt es sich genau um diese Erstgeburt, die Gott als Opfer annimmt.
- Der Gottesknecht in Jesaja 53,10
Im zehnten Vers des dreiundfünfzigsten Kapitels des Jesaja-Buches heißt es: „Doch der HERR hat Gefallen an dem von Krankheit Zermalmten. Wenn du, Gott, sein Leben als Schuldopfer einsetzt, wird er Nachkommen sehen und lange leben. Was Gott gefällt, wird durch seine Hand gelingen.“
Im Hebräischen steht für die Wendung ‚sein Leben als Schuldopfer einsetzen‘:
אִם־תָּשִׂ֤ים אָשָׁם֙ נַפְשֹׁ֔ו .
Eindeutig ist der genannte Gottesknecht ein lebendiger männlicher Mensch, der von einer Frau geboren wurde: „Der HERR hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt.“ (Jes 49,1b)
- Blut für Blut
Der Grundsatz ‚Blut für Blut‘ zieht sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte. Gott will das Leben, nicht den Tod. Dennoch ist er gerecht: Entweder wird Blut als Sühne geopfert oder ER nimmt Rache, wie z.B. in der Sintflut[13].
Es ist eine Tatsache, dass der Jerusalemer Tempel im Jahre 70 n.Chr. zerstört wurde – und damit die Möglichkeit, Gott mit Opfern zu versöhnen.
Der gleiche Gott, der die Zerstörung Seines Tempels zuließ, ist derjenige, der das Opfer Seines einzigen Sohnes am Kreuz annahm: Jesus Christus, der Gesalbte Gottes, ist derjenige, der „sein Leben als Schuldopfer einsetzt“.
Und Nachkommen sieht ER, weil er auferstanden ist und dadurch lebt: Halleluja!
- Leiden Christi und das Leiden der Menschen
Im Brief des heiligen Paulus an die Galater heißt es: „Denn ich trage die Leidenszeichen Jesu an meinem Leib.“[14]
Hier steht im Griechischen das Wort Stigmata ( στίγματα ): ἐγὼ γὰρ τὰ στίγματα τοῦ Ἰησοῦ ἐν τῷ σώματί μου βαστάζω.
Es geht also um einen Beitrag zum Erlösungsgeschehen, wenn Christen die Malzeichen Jesu Christi, Seine Stigmata, tragen, um ihr Kreuz zu tragen.
Jesus Christus mahnt alle Christen, ihr Kreuz zu tragen: „Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert. Wer das Leben findet, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“[15]
Die katholische Kirche lebt diesen Zusammenhang, indem sie lehrt, dass es möglich ist, die Leiden der Christen mit denen Jesu Christi zu vereinigen. Der heilige Papst Johannes Paul II hat dazu die Enzyklika Salvifici doloris geschrieben.[16]
Ja, im Leiden liegt dann eine heilbringende Kraft, wenn sie mit den Leiden Christi vereinigt werden.
[1] Kain – Wikipedia (abgerufen am 13.4.22).
[2] Gen 4,10b.
[3] Gen 6,11f.
[4] Zehn Plagen – Wikipedia (abgerufen am 13.4.22).
[5] Lev 17,11.
[6] Levitikus/ 3.Mose :: bibelwissenschaft.de (abgerufen am 11.4.22).
[7] Gen 22,2b.
[8] Jiftach – Wikipedia (abgerufen am 11.4.22).
[9] Ri 11,31c.
[10] Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet :: bibelwissenschaft.de (abgerufen am 12.4.22).
[11] 2.Könige 3,27 | Einheitsübersetzung 2016 :: ERF Bibleserver (abgerufen am 11.4.22).
[12] Ex 13,2.
[13] Sintflut – Wikipedia (abgerufen am 12.4.22).
[14] Gal 6,17b.
[15] Mt 10,18f.
[16] Salvifici Doloris (11. Februar 1984) | Johannes Paul II. (vatican.va) (abgerufen am 13.4.22).
