Warum Jesus Christus der neue Adam ist
Berlin, 21.Mai 2022
- Vorbemerkung
Bis jetzt meinte ich immer, dass die bürgerliche Ethik eine in sich gute sei, allerdings die christliche eine bessere.
Das war die Vorstellung, wonach der Geltungsbereich der bürgerlichen Rechtsvorstellungen kleiner ist, während wir Christen eben eine weitergefasste Vorstellung haben.
Das ist nicht falsch, dennoch zu kurz gegriffen.
- Das Wesen der Freundschaft bei Aristoteles
Aristoteles schreibt in seiner ‚Rhetorik‘ über die Eigenart der Freunde: „sie wollen uns Gutes tun“(Rhetorik B 4,14).[1]
Dem Anderen gut sein, um ihm Gutes zu tun: die Grundlage der Freundschaft ist also Gleichheit, indem ich im Freund etwas Gutes erkenne, das mir guttut. Tut mir der Freund gut, so tue ich ihm Gutes.
Auf Latein: Do ut des – „‚ich gebe, damit du gibst‘“, wie es Wikipedia ausdrückt.[2]
Hier drückt sich der Gedanke der Demokratie aus: „Einheit und Recht und Freiheit“[3]
- Das Wesen der Nächstenliebe bei Jesus Christus
Jesus lebte gut dreihundert Jahre nach Aristoteles (384-322 vor Christus). Sicher kannte er die Rhetorik des großen Philosophen nicht.
Und doch gibt es eine bemerkenswerte Übereinstimmung: Jesus übernahm den Grundgedanken der Freundschaft, indem Er sie auf alle Christen ausdehnte, letztlich allerdings auf alle Menschen.
Jesus Christus spricht: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“(Joh 15,14f: ὑμεῖς φίλοι μού ἐστε ἐὰν ποιῆτε ἃ ἐγὼ ἐντέλλομαι ὑμῖν. οὐκέτι λέγω ὑμᾶς δούλους, ὅτι ὁ δοῦλος οὐκ οἶδεν τί ποιεῖ αὐτοῦ ὁ κύριος· ὑμᾶς δὲ εἴρηκα φίλους, ὅτι πάντα ἃ ἤκουσα παρὰ τοῦ πατρός μου ἐγνώρισα ὑμῖν.)
Weil wir Christen alle gleich sind, wünscht sich Jesus von uns: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!“(Joh 15,9: Καθὼς ἠγάπησέν με ὁ πατήρ, κἀγὼ ὑμᾶς ἠγάπησα· μείνατε ἐν τῇ ἀγάπῃ τῇ ἐμῇ.)
Letztlich geht es darum: Der Sohn Gottes wurde ein Mensch – und brachte den Menschen die Liebe Gottes.
- Die Liebe: Grundlage jeder Gesellschaft
Die Liebe Gottes wiederum ist kein Luxus, den wir uns leisten können oder nicht. Sie ist die Grundlage des Zusammenlebens.
Das zu verstehen ist ganz einfach: wenn alle Menschen Brüder sind, dann muss jeder seinem Nächsten „Gutes tun“, wie es Aristoteles schreibt.
Der Grundgedanke der Menschenrechte finden wir genau hier, im Evangelium Jesu Christi.
- Wer die Liebe nicht will, muss einen Grund finden
Das wiederum können wir leicht verstehen, wenn wir uns die Gegenfrage stellen: wer soll ausgeschlossen sein von der Liebe?
Warum aber soll jemand ausgeschlossen werden?
Genau hier liegt der Casus Knacksus.[4]
Wir geben die Brüderlichkeit auf, wenn wir Gründe suchen, warum ein Bruder kein Bruder ist. Die Liebe zu allen Menschen schließt alle Menschen ein. Wer andere ausschließt, verstößt gegen die Liebe, weil er den anderen aus sich selbst heraus als ‚Nicht-Guter‘ ansehen muss.
Aus der Allklasse[5] der Guten werden so Trennungen und Spaltungen, ja, sogar Verachtung und Hass.
Und dies können wir erkennen, wenn wir uns einfach fragen: wenn wir Menschen nicht alle Brüder sind, wer soll kein Bruder sein?
Hier deuten sich die Irrungen und Wirrungen der Menschheitsgeschichte an: Rasse, Klasse, Schichten, Geschlechter und Sprachen.
Letztlich zwingt die Liebe Gottes uns dazu, Farbe zu bekennen: Liebe oder Hass? So gesehen ist die Liebe der Menschen untereinander zwar ein Gebot Jesu, dennoch aber etwas, was schon immer bestanden haben muss.
Die Liebe, also dem Mitmenschen „Gutes tun“, ist die Bewegung die das Menschsein erst ermöglicht.
Es ist nichts Neues im eigentlichen Sinne, sondern Kern und Stern des Miteinanders überhaupt.
Wenn Jesus Christus von uns die Nächstenliebe fordert, will Er uns daran erinnern, wer wir sind: Menschen!
- Nächstenliebe versus Hass der Welt
So gesehen verstehen wir endlich, warum die Liebe der Christen auf den Hass der Welt stößt.
Jesus Christus spricht: „Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.“(Joh 3,20f: πᾶς γὰρ ὁ φαῦλα πράσσων μισεῖ τὸ φῶς καὶ οὐκ ἔρχεται πρὸς τὸ φῶς, ἵνα μὴ ἐλεγχθῇ τὰ ἔργα αὐτοῦ· ὁ δὲ ποιῶν τὴν ἀλήθειαν ἔρχεται πρὸς τὸ φῶς, ἵνα φανερωθῇ αὐτοῦ τὰ ἔργα ὅτι ἐν θεῷ ἐστιν εἰργασμένα.)
Die Nächstenliebe stößt einen Prozess an, der entweder zur Bekehrung führt oder zum Widerstand, dessen Endergebnis der Hass ist.
Das wiederum ist nicht, wie ich bisher immer annahm, die Abwehr von angeblichem christlichem Luxus, nämlich alle Menschen zu lieben.
Nein, es ist nicht Luxus zu lieben, sondern allein das Lieben ist Möglichkeit der Brüderlichkeit.
Lieben wir nicht, sind wir keine Brüder. Dann aber gibt es letztlich keine Demokratie, die auf dieser Gleichheit aufbaut.
Die Nächstenliebe ist also nicht das Sahnehäubchen einer christlichen Sonderethik, sondern das, was die Welt im Innersten zusammenhält.[6]
- Fazit: Jesus Christus ist der Neue Adam
Der Hass der Welt bezeugt also, dass das Gebot ‚Liebt einander‘ das Einzige ist, was die Menschheit zusammenführt, weil es ihr Grundgesetz ist.
So bringt uns Jesus Christus nur wieder, was wir durch den Sündenfall Adams verloren haben.
So gesehen ist Jesus Christus der Neue Adam: Er bringt uns das Gebot uns zu lieben und durch Sein Kreuzesopfer die Kraft, zu lieben.
[1] Zitiert nach: Aristoteles, Rhetorik, reclam UB 19397, 169.
[2] Do ut des – Wikipedia (abgerufen am 21.5.22).
[3] Deutsche Nationalhymne – Wikipedia (abgerufen am 21.5.22).
[4] Casus knacksus – Wiktionary (abgerufen am 21.5.22).
[5] Allklasse – Wikipedia (abgerufen am 21.5.22).
[6] (Seite:Faust I (Goethe) 034.jpg – Wikisource (abgerufen am 21.5.22).
