Natürliche Theologie
Berlin, 28.Mai 2022
Ich bin ja Diplomtheologe, leider einzig und allein in der ‚Evangelischen Theologie‘, leider. Ich hatte immer gehofft, Gott würde mir nochmals ein Studium der ‚Katholischen Theologie‘ schenken, leider tat ER es bisher nicht. Ziemlich viel Leid, leider.
Indem mehr als guten, ja sagenhaft hervorragenden ‚Katechismus der Katholischen Kirche‘ gibt es in meinen Augen fast keine Schwachstellen, bis auf eine Einzige, die allerdings wohl der Schlüssel für die Qualen der derzeitigen Kirchenkrise sind: Natürliche Theologie.
- Was ist Natürliche Theologie[1]?
Als ehemaliger evangelischer Lutheraner gibt es einige kontroverse Auseinandersetzungen mit den so genannten reformierten Christen, die einen deutlichen Niederschlag in der Auseinandersetzung mit den so genannten ‚Deutschen Christen‘[2] in der Nazi-Diktatur fanden.
Kurz gesagt geht es um die wesentliche Frage, ob sich Gott in unserer Zeit bemerkbar macht, z.B. durch neue Offenbarungen, die die einmalige Offenbarung Gottes in Seinem Sohn Jesus Christus überbieten bzw. ungültig machen.
Alle Christen sagen: nein, es gibt solche Offenbarungen nicht und kann es in Zukunft nicht geben. Sicher können alle Christen weltweit unterstreichen, was in der ersten These der so genannten ‚Barmer Theologischen Erklärung‘[3] so lautet: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“[4]
Sicher, wir Katholiken würden dann jetzt natürlich noch hinzufügen, dass wir auf das hierarchische Lehramt hören und so weiter und so fort. Eine ähnliche Formulierung zum Offenbarungsverständnis finden wir allerdings ebenfalls in dogmatischen Formulierungen der Konzile. Und wir finden es z.B. als Zwischenüberschrift im ‚Katechismus der Katholischen Kirche‘: „Christus – das einzige Wort der Heiligen Schrift“[5].
Die Entfaltung des depositum Fidei, wie wir Katholiken das Glaubensgut Lateinisch nennen, schließt die einmal gegebene Offenbarung nicht aus, denn es kann ja verschiedene neue Erkenntnisse der einen Offenbarung geben.
Was hat es also mit der Natürlichen Theologie auf sich? Ganz einfach das, was der Völkerapostel Paulus uns lehrt: „Seit Erschaffung der Welt wird nämlich seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit. Daher sind sie unentschuldbar. Denn obwohl sie Gott erkannt haben, haben sie ihn nicht als Gott geehrt und ihm nicht gedankt, sondern verfielen in ihren Gedanken der Nichtigkeit und ihr unvernünftiges Herz wurde verfinstert.“[6]
Die Argumentation des heiligen Paulus ist glasklar: jeder einzelne Mensch auf Gottes Erdboden kann Gott mittels seiner Vernunft erkennen – aus den Werken der Schöpfung heraus.
Wäre Gott nicht erkennbar, gäbe es keine Sünde. Punkt. Es geht um eine Achillesferse unseres christlichen Glaubens.
- Brauchen wir Gottesbeweise?
Natürlich. Ohne Gottesbeweise können wir von Gott nichts wirklich wissen. Und hier haben wir einen echten Schwachpunkt im ‚Katechismus‘.
Dort heißt es: „Da der Mensch nach dem Bilde Gottes erschaffen und dazu berufen ist, Gott zu erkennen und zu lieben, entdeckt er auf der Suche nach Gott gewisse ‚Wege‘, um zur Erkenntnis Gottes zu gelangen. Man nennt diese auch ‚Gottesbeweise‘, nicht im Sinn naturwissenschaftlicher Beweise, sondern in Sinn übereinstimmender und überzeugender Argumente, die zu wirklicher Gewissheit gelangen lassen.“[7]
Zum einen muss gesagt werden: es ist weltweit die Regel, dass auf den Sommer der Herbst, Winter und Frühjahr folgt, es also vier Jahreszeiten gibt. Diese Regelmäßigkeit ist naturwissenschaftlich belegt.
Wir gelangen also von einer eindeutig naturwissenschaftlichen Beobachtung, zu der jeder Vernunft Begabte fähig ist, ist der Frage: wer verursachte die Abfolge der vier Jahreszeiten?
Das ist die Frage, die alle Philosophen seit Platon mit dem Ersten Beweger beantworten: Gott![8]
Wer anders sollte es sein, lautet die Gegenfrage: das Fliegende Spaghetti-Monster?[9]
Die Frage der Fragen ist nicht unbedingt, ob wir den letzten Beweis erbringen können, was wir natürlich nicht können. Wir können nicht Gottes Wesen beweisen und Einsicht in die Vorgeschichte der Schöpfung nennen.
Wir können uns aber fragen, ob wir die menschliche Logik, das Schließen von einer Wirkung auf ihre Ursache, auf Gott anwenden können.
Wenn es in den Naturwissenschaften Kausalität[10] gibt: warum sollte es nicht möglich sein, die letzte Frage nach Gott zu stellen?
- Die fünf Wege der Gotteserkenntnis nach Thomas von Aquin
Sie fehlen einfach im KKK. Nur erahnen kann man sie im folgenden Satz, der den Namen des Klassikers aller Theologen, der heilige Thomas, nicht einmal nennt: „Aus der Bewegung und dem Werden, aus der Kontingenz, der Ordnung und der Schönheit der Welt kann man Gott als Ursprung und Ziel des Universums erkennen.“[11]
Nur um welche Art Erkenntnis handelt es sich: um eine aus den Naturwissenschaften?
Oder geht es vielmehr um das, was zu vermuten ist: um eine Innerlichkeit, die letztlich Gefühlsduselei ist?
Ich frage deshalb, weil es zumindest zwei deutsche Protestanten gibt, die es genauso formuliert hätten: Friedrich Schleiermacher[12] sprach vom ‚Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit‘ und Martin Kähler[13] folgte ihm: „Denn die Religion, die für Schleiermacher ‚Sinn und Geschmack für das Unendliche‘ war, überwand in der Wahrnehmung, die er als Verschmelzung von Subjekt (dem religiösen Menschen) und Objekt (der göttlichen Unendlichkeit) begriff, diese Spaltung. ‚Das Charakteristische ist also ein Doppeltes‘, wie Martin Kähler später formulierte: ‚Es ist ein Einswerden mit unseren Gegenständen in unserem Inneren […] und ferner: Es bezieht sich auf die Gegenstände als Träger der Wirkung des Universums.‘ (Geschichte der protestantischen Dogmatik, 55).“[14]
An den Formulierungen der protestantischen Theologen muss man nicht viel aussetzen, sie seien, wie sie seien.
Es bleibt die Frage: welcher Art ist die Erkenntnis der Bewegung und der Regelhaftigkeit in der Natur – ist sie nicht wissenschaftlicher Art?
Nichts gegen gefühlige Innerlichkeit, aber wer sagt uns zum einen welche Gefühle in der Gottesbeziehung erlaubt sind und zum anderen, welche Schlüsse wir daraus ziehen dürfen?
Die Gefühlsebene ist eine zutiefst innere – und hilft uns gerade nicht weiter.
- Gesunder Menschenverstand und Natürliche Theologie
Paulus vollzieht mit seinem Konzept Natürlicher Theologie eine Revolution: nicht eine Kommission von Theologen entscheidet, ob Dieses oder Jenes Gotteserkenntnis ist.
Nein, wir brauchen keine Mehrheitsmeinung. Jeder Mensch braucht nur Vernunft, um auf einfachstem Wege zu Gotteserkenntnis zu gelangen.
Gerade keine Gefühle, sondern logische Vernunft, um vom einen auf das andere schließen zu können.
- Natürliche Theologie und Philosophie
Auf der gescannten Seite des ‚Katechismus der Katholischen Kirche‘ gibt es ein nicht korrektes Zitat.
Es soll der größte Theologe aller Zeiten, Thomas von Aquin, zitiert werden, der wiederum im Original den größten Philosophen für das katholische Mittelalter, Aristoteles, zitiert.
Dabei ist die Quellenangabe zudem eindeutig falsch.
Im Paragraf 1766 heißt es: „‘Lieben heißt jemandem Gutes wollen‘(hl. Thomas v.A. s. th. 1-2, 26,4).“
- Das Hauptwerk ‚Summa theologae‘ des heiligen Thomas besteht aus drei Bänden, 1-3. Die Quellenangabe ist in jedem Fall falsch, weil es nur ein Band sein kann, aus welchem zitiert wird. Richtig ist: s.th. 2, 26, 4.
- Thomas von Aquin selbst zitiert Aristoteles und schreibt: „Wie der Philosoph 2.Rhetoric (4n2) sagt, ist Lieben ‚einem das Gut wollen‘.“[15]
- Im Original schreibt Aristoteles: die Liebenden „wollen uns Gutes tun“[16].
Wenn der heidnische Philosoph Aristoteles, der nichts von Jesus Christus wusste, aber immerhin die klassische Definition der Liebe gibt, wonach sie „Gutes tun“ sei, dann ist das für einen jeden Christen von Wichtigkeit.
Warum? Weil die Liebe der menschlichen Vernunft unmittelbar zugänglich ist. Nicht also Thomas von Aquin hat in seinem stillen Kämmerlein stundenlang über Definitionen gebrütet, sondern jeder Vernunft Begabte kann darauf kommen, was Liebe ihrem Wesen nach ist: „Gutes tun“.
Diese Definition der Liebe ist eben nicht Teil der göttlichen Offenbarung, sondern eine des normalen Menschenverstandes.
Anders gesagt: des sittlichen Naturgesetzes, das ein jeder Mensch in sich trägt.
Im ‚Katechismus der Katholischen Kirche‘ heißt es klipp und klar: „Das sittliche Naturgesetz ist im Herzen jedes Menschen zugegen und durch die Vernunft festgesetzt. Es ist in seinen Vorschriften allgemeingültig, und seine Autorität erstreckt sich auf alle Menschen.“(KKK 1956).
Wenn der im Vorspann in der apostolischen Konstitution Fidei depositum namentlich genannte verantwortliche Verfasser des Weltkatechismus nicht mehr Aristoteles von Thomas, Philosophie von Theologie, unterscheiden kann, dann ist es schlimm bestellt um die Weltkirche.
- Fazit: Überhöhtes Kirchenbewusstsein kontra gesunden Menschenverstand
Bei der Natürlichen Theologie geht es mitnichten darum, dass ein Geistlicher mir einen Input an Offenbarung gibt, sondern um den je eigenen Menschenverstand, der unweigerlich zu wahren Schlüssen führt.
Die Definition der Liebe des Aristoteles ist das Herz des sittlichen Naturgesetzes, eine Definition, die so klar nicht jeder formulieren kann, aber dennoch im Bereich des Möglichen ist.
Sie ist eben nicht das Werk eines Theologen, und sei es des Größten aller Theologen: Thomas von Aquin.
Wahrscheinlich ist genau hier eine der Schwächen der Kirchenkrise zu sehen, die wir derzeit durchmachen.
Es ist mit dem gesunden Menschenverstand zu erklären, warum die ‚Ehe für alle‘ dem sittlichen Naturgesetz widerstreitet.
Und es ist mit der Vernunft zu begreifen, warum gelebte Homosexualität niemals staatlich gefördert werden darf.
Hier wäre eine Massenbewegung von Christen und allen Menschen guten Willens dringend von Nöten, einfach von Menschen, die mit gesundem Menschenverstand begabt sind: eben alle Menschen.
Vernunft und Glaube gehörten immer zum Wesen des Katholizismus – beides muss neu begründet werden, um uns aus der gewaltigen Sackgasse herausführen, in der wir leider stecken.
[1] Natürliche Theologie – Wikipedia (abgerufen am 12.2.22).
[2] Deutsche Christen – Wikipedia (abgerufen am 12.2.22).
[3] Barmer Theologische Erklärung – Wikipedia (abgerufen am 12.2.22).
[4] Barmer Theologische Erklärung – Wikipedia (abgerufen am 12.2.22).
[5]Katechismus der Katholischen Kirche, München-Wien-Leipzig-Freiburg 2005, 64.
[6] Röm 1,20f.
[7] KKK 31.
[8] Erste Ursache – Wikipedia (abgerufen am 12.2.2022).
[9] Fliegendes Spaghettimonster – Wikipedia (abgerufen am 12.2.2022).
[10] Kausalität – Wikipedia (abgerufen am 12.2.2022).
[11] KKK 32.
[12] Friedrich Schleiermacher – Wikipedia (abgerufen am 12.2.2022).
[13] Martin Kähler – Wikipedia (abgerufen am 12.2.2022).
[14] Friedrich Schleiermacher – Wikipedia (abgerufen am 12.2.2022).
[15] Zitiert nach der Übersetzung von Krönerschen Ausgabe: Bd. II, 182.
[16] Zitiert nach: reclam UB 19397, Aristoteles, Rhetorik, 2, 4, 14 auf Seite 169.
