Putins Strategie ist aufgegangen
Berlin, 11.Juni 2022
- Vorbemerkung
Bis zum 24.Februar 2022 bestand das Volk der Deutschen aus 82 Millionen Covid-19-Experten.
Seit dem 24.Februar 2022 sind wir Deutsche 1A-Kriegsstrategen, da will ich nicht fehlen.
Immerhin habe ich ein 1A-Wissen als Liebhaber von Western klassischer und moderner Art sowie von James Bond: kann also nur gut sein!
- Ablenkungsmanöver: Wollte Putin Kiew?
Im klassischen Western und z.B. in der James-Bond-Reihe mit Daniel Craig gibt es die Kriegstaktik des Ablenkens.
Wer mit unterlegenen Kräften kämpfen muss, lenkt die Hauptkräfte des Gegners in die falsche Richtung, um dann entschieden in der Flanke anzugreifen.
Das kann man eigentlich in jedem Western sehen.
Kiew war bis zum 24.Februar 2022 die größte Stadt der Ukraine mit knapp 3 Millionen Einwohnern.[1]
Sie ist wahrscheinlich nicht nur das Wahrzeichen der Ukraine, sondern auch kulturhistorisch wertvoll, denn sie gilt als die Wiege Russlands höchstselbst.[2]
Es ist also höchst unwahrscheinlich, dass Putin Kiew ernsthaft antasten würde.
Dennoch musste die ukrainische Armee den russischen Angreifern etwas entgegensetzen. Und das wiederum auf breiter Front.
Denn Kiew ist groß und die Ukraine in diesem Teil topografisch nicht geländegängig. Was auf den ersten Blick ein Vorteil für die Verteidiger ist, ist es auf den zweiten nicht unbedingt.
Sicher wollte Putin die massiven Verluste von Menschen und Material nicht unbedingt. Unbedingt wollte er etwas Anderes, was er zeitgleich erreichte: das Ufer zum Schwarzen Meer bis zur Krim schließen.
Der Fall Mariupols besiegelte letztlich seine erfolgreiche Strategie. Die Kette von ukrainischen Hafenstädten entlang der Schwarzmeerküste ist in Putins Händen und praktisch uneinnehmbar, denn diese Kette ging mit breiten Landgewinnen einher.
Faktisch müsste eine stark gepanzerte Armee eine Bresche hineinschlagen. Um diese Bresche zu verteidigen, müssten andere Armeen Putin in die Zange nehmen. So eine Armee gibt es nicht.
- Verbrannte Erde: hasst Putin Mariupol?
Die Indianer in meinen Lieblingswestern sind den Cowboys und Soldaten meist weit unterlegen.
Sie verlegen sich darauf, ihre Ortskenntnisse auszuspielen und legen gerne Brände, z.B. zünden sie gerne Wiesen an, um den Gegner auszuräuchern oder sie brennen das Fort der Kavallerie nieder.
Bei allem Hass auf Nazis oder vorgebliche Nazis im Stahlwerk des Asow-Tals[3] macht das Zerstören von Häusern und dem Gelände drum herum im Krieg durchaus Sinn, denn es nimmt dem Feind jede Rückzugsmöglichkeit.
Es handelt sich natürlich um Kriegsverbrechen, wenn damit die Zivilbevölkerung massakriert wird.
Dies ist z.B. im Theater von Mariupol geschehen, in welchem 1200 Menschen Schutz suchten, wobei mindestens 600 starben.[4]
Die Strategie der ‚verbrannten Erde‘ ist klar: dem vorgeblichen Feind die topografischen Vorteile aus der Hand zu reißen und sie letztlich gegen ihn zu wenden.
Das russische Sperrfeuer im Donbass hat genau die gleiche Folge: niemand traut sich mehr in das Gebiet hinein, weil niemand mehr wissen kann, wie es dort aussieht. Die Ortskenntnisse, die früher ein Plus für die Verteidigung waren, sind buchstäblich verdampft.
Rational verständlich ist es also durchaus, was Putin in Mariupol angerichtet hat, wenn es auch reine Kriegsverbrechen sind.
Von einem geisteskranken Putin zu sprechen ist allerdings nicht einfach zu kurz gegriffen.
- Flüchtlinge: Ist Putin ein Faschist?
Wenn wir die Bilder in Butscha und Mariupol sehen, kommt uns das kalte Grausen: das ist Unmenschlichkeit pur.
Und doch können diese Bilder genau das sein, was bezweckt wird: das nämlich ist das Kalkül der Terroristen. Der Terror soll zu Handlungsweisen führen, die ein normales Leben im Keim ersticken.
Die Fluchtbewegung aus der Ukraine hinaus ist apokalyptisch: 6,8 Millionen Menschen haben sich auf den Weg gemacht.[5]
Bei diesen Ukrainern handelt es sich mehrheitlich um Frauen mit Kindern, die für jede Volkswirtschaft nicht auf Anhieb zu integrieren sind, sprich nur Kosten verursachen.
Putin hat gelernt, wie Europas größte Volkswirtschaft 2015, nämlich Deutschland, beispiellos eine Million Flüchtlinge aus aller Herren Länder aufnahm.[6]
Die Europäische Union war damals nicht in der Lage, auf diese große Menschenbewegung eine in sich stimmige Antwort zu finden.
Und der Grenzzaun entlang Weißrusslands, den Polen Ende 2021 notdürftig errichtete, ist ein beredetes Beispiel wie sowohl Putin Menschen als Waffen benutzt als auch wie die EU praktisch versagt. Denn Polens Stacheldrahtzaun 2021 wie auch derjenige Ungarns 2015 sind Notlösungen von Nationalstaaten gewesen.
Nein, Putin hasst die Ukrainer nicht. Sie sind ihm einfach egal, weil er sie bloß als Waffe benutzt. Putin kalkuliert eiskalt.
- Die Achillesferse der Ukraine: die Schwarzmeerküste
Ich habe seine Reden nicht gelesen, sondern nur Zusammenfassungen davon mitbekommen. Die Ukraine, so scheint mir, ist bloß der Crashtest-Dummie gegen die EU und die NATO.
Er will wirklich eine geschwächte, ja zerfleischte Ukraine. Und er hat sie nach 100 Tagen bekommen.
Und wie das? Die ukrainische Schwarzmeerküste.
Gestern las ich wieder meine Leib-und-Magen-Zeitung, die ‚Neue Zürcher Zeitung‘(NZZ). Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen ‚Alternative Exportrouten dringend gesucht‘ heißt es dort. Und genauer wird statistisch nachgerechnet: mit der ukrainischen Bahn sind im Monat nur 1,5 Millionen Tonnen Getreide außer Landes zu bringen – über den Seeweg waren es früher 6 Millionen Tonnen.[7]
Odessa[8] ist der einzig verbliebene Seehafen der Ukraine und unter Dauerbeschuss.
Vom besetzten ukrainischen Kherson[9] nach Odessa sind es 202 Kilometer. Das Schwarze Meer ist praktisch in russischer Hand. In einem weiteren Handstreich ist der Hafen Odessas jederzeit zu blockieren.
Was also will Putin? Ganz einfach: Europa erpressen! Denn wenn das ukrainische Getreide Afrika, besonders Ägypten, nicht erreicht, dann gibt es Hungersnöte.
Und in deren Folge Fluchtbewegungen von gigantischem Ausmaß.
Wie der Sultan vom Bosporus sitzt Putin praktisch an einem Nadelöhr: Erdogan staut gegen EU-Milliarden die syrischen Flüchtlinge.
Und Putin hat die Schlüssel zu den Getreidekammern der Ukraine: nur er kann die Silos öffnen.
- Taktik des Toter-Mann: ist Putin wirklich am Ende?
Im Krieg sind Zeichen das Non plus ultra. Und noch mehr das Zeichen lesen. In den vergangenen hundert Tagen war in den europäischen Zeitungen viel davon die Rede, wie schlecht die Armee Putins ist.
Ein wirklich großartiger Russe, der ehemalige Magnat Chodorkowski, sagte in meiner Leib-und-Magen-Zeitung NZZ: „Putin zeigt jedem das Gesicht, das derjenige sehen möchte. Darin werden KGB-Leute geschult, und er ist meisterhaft darin.‘“[10]
Den Kriegsgegner glauben zu machen, er sei auf der Siegerstraße ist Teil der psychologischen Kriegsführung einer jeden Armee.
Und dem Gegner eine Spielwiese zu gewähren, in welcher sich dieser sicher wähnt, ist ebenfalls genial.
Sicher wollte Putin nicht diese gewaltigen Verluste an Menschen und Material, die er zweifellos gehabt hat. Und doch können sie Teil seiner psychologischen Kriegsführung sein. Wenn ich so tue, als sei ich fast besiegt, lähme ich meinen Gegner an der Stelle, wo er meint, er siege. Und schlage einfach dort zu, wo ich am sichersten bin.
So gesehen kann das Kräftemessen um Kiew herum zum einen als Kräftemessen gesehen werden und zum anderen als geniales Ablenkungsmanöver.
Nein, Putin ist nicht am Ende, er ist am Anfang. Das erklärt auch seine große Ruhe den westlichen Waffenlieferungen gegenüber.
Panzer bräuchte die Ukraine viele. Und Aufmarschgebiete. Und geschulte Armeen. Und die hat sie nicht.
- Das Reservat um Odessa: die Nabelschnur der Ukraine
Die Einkesselung der Kavallerie durch die Indianer, die sie zwingen, eine Wagenburg zu errichten, ist der Klassiker schlechthin.
Putin hat wie an einer Perlenkette alle Schwarzmeerhäfen unter seiner Kontrolle. Einen Alibi-Hafen lässt er der Ukraine: Odessa.
Dabei müssen wir wissen, dass der Transport von ukrainischem Getreide und anderen landwirtschaftlichen Erträgen über die Häfen läuft, weil das ukrainische Schienennetz zu klein ist und vor allen Dingen ein andere Gleisbreite hat. Es geht letztlich um die russische Breitspur[11], die nicht die gleiche ist wie die im Europa der Europäischen Union.
Und deshalb müssen alle Waggons an den Grenzen zur Europäischen Union auf die EU-Spurbreite angepasst werden: jeder Waggon muss hochgehoben und mit anderen Radachsen versehen werden.
Das habe ich schon einmal gemacht: als ich per Zug zu einer Gedenkstättenfahrt nach Smolensk in Russland gefahren war: das ist so umständlich, wie nur irgendetwas.
Ja, die Achillesferse der Ukraine sind die Häfen.
Die Ausfuhr der landwirtschaftlichen Erzeugnisse ist praktisch gebremst, weil die Logistik praktisch nicht funktionieren kann.
Niemand ist in der Lage, den Ukrainern das Schienennetz neu zu bauen und Waggons und Lokomotiven auszutauschen. Niemand.
Putin kalkulierte eiskalt und hat gewonnen.
- Fazit: Putin hat Zeit
Es ist nicht zu sehen, wie Putin aus der Ukraine wieder vertrieben werden kann. Es bräuchte starke Interventionskräfte anderer Armeen, die es aber nicht gibt.
[1] Kiew – Wikipedia (abgerufen am 5.6.22).
[2] Kiew – Wikipedia (abgerufen am 5.6.22).
[3] Metallurgisches Kombinat Asow-Stahl – Wikipedia (abgerufen am 5.6.22).
[4] Luftangriff auf das Theater von Mariupol – Wikipedia (abgerufen am 5.6.22).
[5] Ukraine-Krieg: Anzahl der Flüchtlinge aus der Ukraine nach Nachbarländern 2022 | Statista (abgerufen am 5.6.22).
[6] Flüchtlingskrise in Europa 2015/2016 – Wikipedia (abgerufen am 5.6.22).
[7] Ukraine-Krieg: Alternative Exportrouten dringend gesucht (nzz.ch) (abgerufen am 5.6.22).
[8] Odessa – Wikipedia (abgerufen am 5.6.22).
[9] Russian Offensive Campaign Assessment, March 31 | Institute for the Study of War (understandingwar.org) (abgerufen am 5.6.22).
[10] Chodorkowski: Ein Gespräch über Russland, Putin und die Ukraine (nzz.ch) (abgerufen am 5.6.22).
[11] Breitspurbahn – Wikipedia (abgerufen am 11.6.22).
