Liebe: Grundgesetz der Welt

Warum die Liebe Regel jeder Gesellschaft sein muss

Berlin, 18.Juni 2022

  1. Ist Liebe nur ein Vier-Buchstaben-Wort?

Das dachte ich einmal, dass nämlich eine gute Gesellschaft auch alleine mit Gerechtigkeit funktioniert. Denn wenn sich alle das Gleiche schenken, dann geht es gerecht zu und dann gibt es keinen Streit. Nur bedachte ich nicht, was sie sich schenken sollten.

Für mich war die Liebe nur ein Gefühl, welches das Wohlbehagen beim Tun des Guten steigert. Und das sicher noch etwas mehr des Guten tun lässt, quasi als Sahnehäubchen, aber nie als geschuldete Pflicht.

  1. Aristoteles definiert die Freundschafsliebe

Aristoteles schreibt über Liebende: „sie wollen uns Gutes tun“[1]. Diesen Begriff der Liebe entwickelt Aristoteles anhand des Begriffes der Freundschaft.

Das scheint klar: Gutes tun nicht nur im Sinne von Bonbons und eitel Sonnenschein, sondern ebenfalls im Sinne von Erhaltung: etwas zu geben, von dem bekannt ist, dass es gut für den anderen ist, wie z.B. ein Haus, Lebensmittel etc.

Dabei ist ebenfalls klar: Freundschaften bestehen auf

  1. Gegenseitigkeit
  2. Freier Wahl
  3. Kein verpflichtender Zwang
  4. Jederzeit auflösbar
  5. Zuneigung ist rein subjektiv
  6. Zufälligkeit, weil die Wahl der Freunde nicht objektiven Gründen zugänglich ist, die andere nachvollziehen können
  1. Grundlage der Liebe: Selbstliebe

Wer lebt, will Leben bleiben, weil er sich selbst liebt. Er hat erkannt, dass es gut ist, sich selbst zu erhalten, sich also selbst gut zu sein.

  1. Liebe zu den Eltern

Bisher ist es in der Menschheitsgeschichte so, dass jeder einzelne Mensch leibliche Eltern hat. Jedes Kind ist also aus der Vereinigung eines väterlichen Samens mit einem mütterlichen Ei entstanden.

Anders entstehen bisher keine Menschen. So sollte also einer, der sich selbst liebt, den Kreis der Liebenden erweitern, wenigstens um seine Eltern.

Von ihnen kommt er, denn er verdankt sein Leben seinen Eltern. Seine Eltern abzulehnen ist letztlich Selbsthass.

Selbst wenn diese Eltern sonst nichts Gutes taten, als ihrem Kind das Leben zu schenken. Das menschliche Leben ist, neben der Verehrung Gottes, das höchste Gut auf Erden.

  1. Liebe zur Menschheitsfamilie

Ungeachtet der Frage nach Adam und Eva ist doch die Suche nach dem Ursprung eine wesentliche.

Wenn ich meine leiblichen Eltern nur liebe, weil sie mich zeugten, dann kann ich letztlich alle Generationen in meiner Familie ebenfalls lieben.

Vielleicht klingt das ein bisschen wackelig: schauen wir weiter unten, ob es nicht noch einen besseren Grund gibt.

  1. Liebe zu den Eltern aus Gerechtigkeit

Der Begriff der Gerechtigkeit bedeutet, Gleiches gleich zu behandeln.[2] Wer sich selbst liebt, handelt dann gerecht, wenn er sich selbst Gutes tut.

Weil das eigene Gut des geschenkten Lebens zur Dankbarkeit verpflichtet, ist es gerecht, die Eltern zu lieben.

Der eigentliche Gedanke hinter der Liebe ist also nicht die Überhöhung mittels Gefühlsaufwallung oder gar Luxus, sondern einfach derjenige, dass die Erhaltung des menschlichen Lebens durch Gutes geschieht. Dieses Gute wiederum muss dem menschlichen Leben angemessen sein.

Wer also liebt, der kennt die Bedürfnisse des anderen und das Gute, das dem anderen angemessen ist.

Der letzte Gedanke der Liebe ist so gesehen das Gute. Und dann der rechte Umgang mit dem Guten. Und die Überlegung, wer das Gute gerechterweise verdient.

Der Liebesgedanke beinhaltet also sowohl das Vermögen, das Gute für den anderen zu erkennen, also auch den Gerechtigkeitssinn, wer des Guten bedarf.

Zu lieben ist also gerade nicht einfach ein Gefühl und nicht zärtliche Tändelei allein, sondern mehr noch das Abwägen von Gütern.

Wer den Gerechtigkeitssinn nicht mit bedenkt, versteht die Liebe nicht. Im aristotelischen Freundschaftsgedanken mag der Gerechtigkeitssinn nicht sinnvoll sein, so wie bei Adligen, die keiner Hilfe bedürfen, miteinander auf Reisen gehen, Festgelage veranstalten und anderes mehr.

Im reinen Freundschaftsbegriff geht es mehr als die Zufälligkeit von Begegnungen, die sich im gesellschaftlichen Leben ereignen.

Dem Kern nach geht es beim Guten nicht um Übertreibungen, sondern um das Angemessene, nämlich um Gerechtigkeit: wem steht das Gute zu?

  1. Wem steht die Liebe nicht zu?

Wenn wir zugeben, dass jeder Mensch von anderen Menschen, die seine Eltern sind, abstammt, dann kann es keinen Menschen geben, dem unsere Liebe nicht gelten kann.

Wenn es stimmt, dass die erste Grundlage unserer Liebe die Selbstliebe ist und aus ihr wiederum die Liebe zu unseren Eltern entspringt, kann es niemanden geben, den wir von unserer Liebe ausschließen.

Denn jeder Mensch hat Eltern, die wiederum von Eltern abstimmen. Andere Menschen von der Liebe auszugrenzen, muss aus der eigenen Überhöhung geschehen, die zum Hass auf andere führt.

So gesehen ist die Liebe zueinander immer universal angelegt und muss alle Menschen einschließen.

Der Hass auf andere Menschen wiederum ist nicht vernünftig zu begründen.

Und die Frage ‚Wem steht die Liebe nicht zu?‘ ist als unvernünftig abzuweisen, denn es kann keinen vernünftigen Grund geben, andere Menschen von der Liebe auszuschließen.

Hass ist also nur der in sich unvernünftige Sonderfall der Abweisung von Liebe.

  1. Das königliche Gesetz der Liebe

Jesus hat den Liebesgedanken, der nach Aristoteles für Freundschaften galt, auf alle Menschen übertragen.

Die Nächstenliebe gilt allen Menschen auf der Welt: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!“(Mt 7,12a: Πάντα οὖν ὅσα ἐὰν θέλητε ἵνα ποιῶσιν ὑμῖν οἱ ἄνθρωποι, οὕτως καὶ ὑμεῖς ποιεῖτε αὐτοῖς·)

Und er kritisiert stark denjenigen, die nur auf die Gegenseitigkeit der Liebe aus sind: „Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!“(Mt 5,46-48: ἐὰν γὰρ ἀγαπήσητε τοὺς ἀγαπῶντας ὑμᾶς, τίνα μισθὸν ἔχετε; οὐχὶ καὶ οἱ τελῶναι τὸ αὐτὸ ποιοῦσιν; καὶ ἐὰν ἀσπάσησθε τοὺς ἀδελφοὺς ὑμῶν μόνον, τί περισσὸν ποιεῖτε; οὐχὶ καὶ οἱ ἐθνικοὶ τὸ αὐτὸ ποιοῦσιν; ἔσεσθε οὖν ὑμεῖς τέλειοι ὡς ὁ πατὴρ ὑμῶν ὁ οὐράνιος τέλειός ἐστιν.)

  1. Liebe enthält alle vier Kardinaltugenden

Es ist nur die Wahrheit, wenn wir alle Menschen lieben, weil die gesamte Menschheit eine einzige Familie ist, jedenfalls der Abstammung nach.

Es ist nur Gerechtigkeit, wenn wir den anderen Menschen Gutes tun, weil wir letztlich uns selbst Gutes tun.

Es ist nur Tapferkeit, wenn wir denen helfen, die wir nicht mögen, das Gute aber dennoch verdienen.

Es ist Mäßigkeit, wenn wir das Gute nicht verschwenderisch denen schenken, die uns wiederum Gutes mit Gutem vergelten können, sondern auch diejenigen lieben, die uns nichts vergelten können.

Es ist Klugheit, wenn wir die Bedürfnisse der anderen kennenlernen, um ihnen angemessen Gutes tun zu können.

  1. Das königliche Gesetz der Liebe

Der Apostel Jakobus schreibt zur Goldenen Regel Jesu: „Wenn ihr jedoch das königliche Gesetz gemäß der Schrift erfüllt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!, dann handelt ihr recht.“(Jak 2,8: Εἰ μέντοι νόμον τελεῖτε βασιλικὸν κατὰ τὴν γραφήν· ἀγαπήσεις τὸν πλησίον σου ὡς σεαυτόν, καλῶς ποιεῖτε· )

Wer liebt, der erfüllt das königliche Gesetz der Liebe, das wiederum keine esoterische Überhöhung für Insider ist, sondern ganz klar allen Menschen gelten muss.

So gesehen schenkt uns Jesus Christus genau das wieder, was uns der Sündenfall Adams genommen hat.

[1] Aristoteles, Rhetorik B, 4,14 (zitiert nach reclam UB 19397, Ditzingen 2018, 168).

[2] Gleichheitssatz – Wikipedia (abgerufen am 17.6.22).

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