Leserbrief an den Chefredakteur: ‚Der Abgrund westlicher Ängste‘
Sehr geehrter Herr Gujer,
gestern las ich Ihren Leitartikel in der gedruckten Samstagsausgabe und war tatsächlich nicht wenig irritiert, dachte ich doch, ich hielt das Erstlingswerk einer Schülerzeitung in den Händen, geschrieben von einem pubertierenden Jakobiner, nicht eine Zeitung von Welt aus Zürich.
Der arme Leser darf buchstabieren: „Die Logik des Schreckens hat sich im Kalten Krieg bewährt und dabei auch brenzlige Momente überstanden, in denen die Welt am Rand der Vernichtung stand. Am Schluss wichen alle Seiten vor den Konsequenzen zurück. Eine glaubwürdige Abschreckung ist deshalb auch heute das beste Mittel, um den Einsatz von Atomwaffen zu unterbinden.“
Ich bitte Sie darum, Ihre eigene Zeitung zu lesen. In der Donnerstagsausgabe schrieb Ihr nordamerikanischer Korrespondent unter der Überschrift ‚Am Rande eines Atomkriegs‘ über die Kuba-Krise: „Erst später wurde bekannt, wie nah am Atomkrieg man durch einen Vorfall auf hoher See gestanden hatte. Amerikanische Zerstörer warfen Signalwasserbomben über dem sowjetischen U-Boot ‚B-59‘ ab, um es zum Auftauchen zu zwingen. Dessen Kapitän, Walentin Sawizki, hatte in der von dem Boot eingenommenen Tauchtiefe keinen Funkkontakt zu seinen Vorgesetzten; das amerikanische Vorgehen liess ihn vermuten, dass Krieg ausgebrochen war. Sawizki wollte mit einem nuklear bestückten Torpedo antworten, was wohl einen Atomkrieg zwischen den Supermächten ausgelöst hätte. Der Einspruch des an Bord befindlichen Kommandanten der vor Kuba operierenden U-Boot-Flottille, Wassili Archipow, verhinderte den Einsatz der Waffe. Der 1998 gestorbene Archipow wird seither verschiedentlich als ‚der Mann, der die Welt rettete‘ bezeichnet.“
Aufgrund dieser Details im Kalten Krieg, die sich mitnichten Ihrer ‚Logik des Schreckens‘ unterwerfen, sondern gerade die eiskalte Macht in den Händen weniger Offiziere beschreiben, wurde das so genannte ‚Rote Telefon‘ eingerichtet. Genau für solche Situationen, die natürlich entstehen müssen, weil sie immer außerhalb der ‚Logik des Schreckens‘ stattfinden.
Gerade diejenigen, die sich um Vernunft und Logik bemühen, müssen anerkennen, dass eine so genannte ‚Logik des Schreckens‘ nur in kranken Hirnen vorhanden ist, das wahre Leben Gott sei Dank ganz anders verläuft. Der wahre Held heißt Wassili Archipow, der sich eben nicht der eiskalten ‚Logik des Schreckens‘ unterwarf, sondern eben diese hinterfragte.
Ein Kriegsverbrecher wie Putin hat vor aller Welt gezeigt, dass er in aller Seelenruhe ein großes Heer an den Grenzen der Ukraine aufstellen konnte, das inzwischen gezeigt hat, dass es noch nicht einmal dafür taugt, ein schlecht gerüstetes Land wie die Ukraine besiegen zu können.
Inzwischen sprengt er die gewaltigen Pipeline-Rohre in der Ostsee in die Luft und viele zivile Ziele in der Ukraine – wie ein waidwunder Bär.
Putin folgte seiner eigenen Logik und zieht nicht nur Europa, sondern auch seine Russische Föderation ins Verderben. Und dieser Narr sollte nicht fähig sein, Atombomben zu zünden, weil es irgendeine ‚Logik des Schreckens‘ gäbe?
Vielleicht sollten Sie wiederum in Ihrer eigenen Zeitung den Artikel ‚Der sowjetische Atomkult‘ lesen: es ist die Freitagsausgabe. In der ehemaligen Sowjetunion wurden Atombomben für rein zivile Ziele genutzt, z.B. um Seen in die Landschaft zu sprengen.
Die von Ihnen genannte ‚Logik des Schreckens‘ ist nur ein anderes Wort für das Faustrecht der Selbstjustiz, das es schon im Alten Testament gab: ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn‘.
Die heilige katholische Kirche ächtet Atomwaffen, weil sie eben keiner Logik folgen, sondern nur grenzen- und vor allen Dingen namenloses Unglück für Unbeteiligte bringen. Die Atombombe folgt keinem Recht, sondern ist an und für sich unmoralisch.
Und deswegen setzen wir neben der berechtigten Selbstverteidigung als zweite Waffe auf die Diplomatie: was nützt es, den Krieg zu gewinnen, wenn nichts mehr übrigbleibt? Es lohnt sich unsere Lehre vom gerechten Krieg zu studieren – nachlesbar im ‚Katechismus der Katholischen Kirche‘ im Paragraf 2243.
Darf ich Sie bitten, zu überdenken, wes Geistes Kind Sie sind?
Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Stephan Gröne
