Die zweitbeste Entscheidung der Welt
Berlin, 1.Februar 2025
Natürlich muss, rein theologisch gesehen, die Bekehrung zu Jesus die wichtigste Entscheidung gewesen sein.
Und die geschah zwar außerhalb der evangelischen Kirche, weil ich einige Jahre vor meiner Bekehrung aus dieser ausgetreten war, aber meine Bekehrung vor 34 Jahren ist natürlich wichtiger als die Konfession, weil sie zum Heil in Jesus Christus, der Vergebung der Sünden, führt.
Damals bin ich wieder evangelisch geworden, weil ich tatsächlich keinerlei Berührung mit Katholiken hatte. Der einzige evangelische Gottesdienst mit meinen Eltern war mein Taufgottesdienst mit zwei Jahren. Fertig.
Der Übertritt zur katholischen Kirche kann, und damit der zweite Austritt aus der evangelischen Kirche, also nur die zweitbeste Entscheidung gewesen sein.
Und doch ganz wichtig, überlebenswichtig, denn Christ zu werden, bedeutet noch lange nicht, es zu bleiben.
Und so habe ich den Übertritt zur katholischen Konfession keine einzige Sekunde bereut.
Und dennoch: ich habe ein Diplom in ‚Evangelische Theologie‘ und kenne die Auseinandersetzung Martin Luthers mit der katholischen Kirche in und auswendig.
Und ich wundere mich über den derzeitigen Katholizismus, der so Vieles zu verleugnen scheint, was mir gut und besonders wertvoll erscheint.
Ich bin besonders geschult in der Geschichte des Tridentinums, also der katholischen Antwort auf die Bedrohung der Reformation. Ich kenne besonders gut viele Hintergründe des Luthertums, besonders die Gründe, warum Luther praktisch alles, was katholisch war, ablehnte.
Der derzeitige Katholizismus scheint mir näher bei Luther zu stehen und das Erbe des Tridentinums geradezu zu verleugnen.
Und damit fehlt dem Gegenwartskatholizismus die Kraft, die Relevanz des Evangeliums für Leben und Lehre der Menschen aufzuzeigen.
Und dazu sollen hier einige Gedanken aufgeschrieben werden.
- Glauben und Wissen
Thomas von Aquin wurde von Luther vehement abgelehnt. Das kommt von der Verneinung des freien Willens und damit der Herabsetzung der Vernunft.
Dabei ist es urkatholisch, Vernunftgründe zu finden, warum zum Beispiel die Zehn Gebote für das menschliche Zusammenleben grundlegend sind.
Das Vierte Gebot lehrt, die eigenen Eltern zu ehren. Das wiederum hat seinen einfachen Grund in der Tatsache, dass jedes Kind sein Leben Vater und Mutter verdankt.
Weil wir sterblich sind, brauchen die Alten junge Menschen, die sie hegen und pflegen. Das ist der Kreislauf des Lebens – wie du mir, so ich dir.
In unserem Rentensystem nennen wir es Generationenvertrag. Ganz einfach zu verstehen, da es vernünftig ist. Wer nichts einzahlt, kann nichts bekommen.
Oder anders gesagt: wer keine Kinder bekommt, kann nicht die Hilfe seiner Kinder in Anspruch nehmen. Punkt.
Die Zehn Gebote sind also, jedenfalls für Katholiken, nicht ein lebensfremdes Gesetz, das von außen den armen Menschen übergestülpt wird, sondern das Grundgesetz des Lebens schlechthin.
Nur hören tut man in den Predigten nichts davon, gar nichts. Moralpredigten gab es weder in evangelischen noch in katholischen Gottesdiensten.
- Glaube und Werke
Martin Luther hat zu Recht gegen die vielen Werkheiligen gewettert. Und natürlich gibt es in einer Kirche, die den untrennbaren Zusammenhang von Glauben und Werken lehrt, mehr Werkheiligkeit als in der evangelischen Kirche, die sich darum praktisch keine Gedanken macht.
Der Hauptunterschied zwischen Protestanten und Katholischen ist allerdings nicht der, dass erste der Werkgerechtigkeit den Garaus gemacht haben, sondern nur der, dass die Katholischen die Werkgerechtigkeit wirklich besiegen.
Wer einmal die Bücher von echten katholischen Heiligen liest, der weiß, dass die einzige Waffe gegen Selbstgerechtigkeit die Demut ist.
Wir Katholischen wissen, dass wir Staub und Asche sind, aber wissen, dass wir dieses Wissen von Gott geschenkt bekommen haben. Wir Katholiken haben diese Selbsterkenntnis, weil wir von Gott gespiegelt werden.
Es gibt keine größeren Kritiker der Selbstgerechtigkeit als die katholischen Heiligen selbst. Staub und Asche zu sein ist eine Selbsterkenntnis, die uns durch die Buße in der Beichte geschenkt wird.
Der Unterschied zwischen den Protestanten und den Katholiken ist hier, dass jeder Katholik durch die Beichte ein je konkretes Wissen seiner Unzulänglichkeit hat, während die Protestanten nur ein höchst abstraktes Glaubenswissen haben.
Jesus erhebt den menschlichen Staub aus dem Schlamm des Lebens und umkleidet ihn mit seiner Vergebung, so dass wir zu göttlichem Leben fähig sind.
Es findet tatsächlich eine Umwandlung des Menschen statt: wir kommen durch die Beichte Gott näher.
Die guten Werke des Glaubens sind der letzte Sieg über Werkgerechtigkeit und falsche Bürgerlichkeit.
- Buße und Beichte
Es ist ein ernstzunehmendes Krankheitszeichen des Gegenwartskatholizismus, dass die katholischen Bischöfe ihre eigenen Gottesdienste verboten hatten.
Dies geschah weltweit zur Covid-19-Zeit, besonders im Jahr 2020. Dass die Zahl der Gottesdienstbesucher eingeschränkt wird, hat es sicher immer gegeben, allein schon zur Zeit der Pest, ein vollständiges Verbot der Bischöfe für ihre Diözesen dagegen noch nie.
Die katholische Kirche empfiehlt den Empfang der Sakramente, besonders der Eucharistie. Die Eucharistie ist wie eine Nabelschnur zu Jesus.
Jesus sagt es selbst: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“
Wenn das Blut Jesu nicht den Weg zu uns findet, müssen wir verdorren. Das war schon immer die Lehre der katholischen Kirche.
Die Gottesdienstzahlen haben sich seit Covid-19 in Deutschland nahezu halbiert. Im Berliner Bistum lagen sie bei 10 Prozent vor der Pandemie, jetzt sind sie bei ungefähr 5 Prozent.
Noch schlimmer sieht es um das Beichtsakrament aus. Es scheint zum Luxus besonders abgehobener Frommer geworden zu sein.
Sind es ein Prozent aller Katholiken Deutschlands, die zur Beichte gehen oder sind nur ein Prozent aller Kirchgänger, die zur Beichte gehen, also gemessen an der Gesamtzahl der Katholiken im Promillebereich?
Die Trennung von Sünde in Todsünde und lässliche war ein Meilenstein der katholischen Sakramententheologie, die das Tridentinum zum Dogma erhoben hat.
Martin Luther wetterte Zeter und Mordio gegen die Vorstellung, der Mensch könne einen Riegel, einen obex, vor die Gnade Gottes schieben, indem er sich von Gott grundsätzlich abwendet.
Nein, die Gnade Gottes sei unwiderstehlich, irrestible, meinte der Wittenberger. Reue und Buße braucht es also nicht, also die vernünftige Gewissenerforschung, die zur konkreten Benennung von Einzelsünden führt.
Die Sünde, so kann man sagen, hat im Gegenwartskatholizismus weder ihre Zeit noch ihren Raum: die Priester vernachlässigen die Beichtzeiten und lassen die Beichtstühle verstauben.
Es ist grundlegend menschlich, wenn Menschen innehalten und ihr Gewissen erforschen: was, um Gottes willen, kann daran schlecht sein?
- Katholisch zu sein: ein ganzer Mensch zu werden
Nirgendwo sonst ist es möglich, ein echter Mensch zu werden.
Die schönsten Menschen der Welt sind katholisch: es sind die Heiligen.
