Gravamina Ecclesiae catholicae

Beschwernisse in der katholischen Kirche

Berlin, 30.August 2025

  1. Vorbemerkung

Als studierter, an der Reformation geschulter, ehemaliger Lutheraner erkenne ich seit meinem Übertritt in die katholische Kirche 2007 einige Beschwernisse, die die Entwicklung des katholischen Lebens schwer beeinträchtigen.

Mit dem Beginn des ‚Synodalen Weges‘ 2019 dachte ich zuerst, es sei nur ein deutsches Problem. Mit dem Durchsetzen des Verbotes katholischer Messen 2020 seitens des Heiligen Vaters und seiner Bischöfe ist deutlich: der Fisch stinkt vom Kopf her.

Allgemein lässt sich mit der lutherischen Terminologie sagen: das Evangelium wurde vom Gesetz entkoppelt, was typisch für den Protestantismus ist, aber gerade nicht katholischer Lehre entspricht.

  1. Sonntagsheiligung

Ulrich Nersinger konstatierte fassungslos zum Covid-19-Ostern 2020, dass es seit zweitausend Jahren ein Osterfest ohne das Volk Gottes nicht gegeben hat: „‘Ich habe bisher nichts Vergleichbares gefunden, nicht mal, als in Rom die Cholera wütete, oder in den Kriegszeiten.‘“[1]

Das Gebot der Feiertagsheiligung ist das Dritte Gebot der Zehn Gebote; an ihm hängt ebenfalls die Möglichkeit, das Brot der Engel, die Eucharistie zu feiern, an welcher die notwendige Kraft für den irdischen Pilgerweg hängt.

Sine dominico non possumus ertönte der alte Schlachtruf der Urchristenheit, den der geistliche Leiter von Sant` Eggidio erhob: ohne den Sonntagsgottesdienst können wir nicht leben.[2]

Nun, seit den verhängnisvollen Entscheidungen hat das Volk Gottes gelernt, was das für es bedeutet: 2,07 Millionen Katholiken gingen 2019 im Durchschnitt in den Gottesdienst, 2021 waren es nur noch 0,92 Millionen, immerhin 2024 wieder 1,31 Millionen – eine riesige Delle.[3]

Dies ist nicht nur eine Verletzung des Dritten Gebotes, sondern vor allen Dingen betrifft es das Erste Gebot: Du sollst Gott lieben mit allen deinen Kräften.

Es ist die unverbrüchliche katholische Lehre, dass das Lehramt sich niemals gegen das göttliche Gesetz stellen kann; die Zehn Gebote kommen von Gott selbst und die Sonntagsheiligung ist katholische Lehre von Beginn an.

  1. Das Grundgesetz des Lebens: Zehn Gebote

Wie im Protestantismus ist es ganz normal, im katholischen Sonntagsgottesdienst von so genannten ewigen Glaubenswahrheiten zu sprechen: ganz Mutige sprechen dann von Engeln, Wundern, etc.

Was ich tatsächlich noch nie gehört habe, ist eine Predigt über auch nur ein einziges Gebot der Zehn Gebote. Mose gab die Zehn Gebote, weil es um das grundsätzliche Zusammenleben in einer Gesellschaft geht.

Ohne die Zehn Gebote muss eine Gesellschaft in ihre Einzelteile, in Minderheiten, Parteien, Generationen etc., zerfallen.

Unsere Gesellschaft schreit nach übergreifenden Regeln, die jeder verstehen und halten kann.

Dabei ist zum Beispiel das Vierte Gebot kinderleicht zu verstehen: die eigenen Eltern ehren wir aus Dankbarkeit, weil sie uns das höchste irdische Gut, das Leben, geschenkt haben; dabei helfen wir ihnen in ihrem Alter und pflegen sie – so wie sie es bei uns getan haben, als wir pflegebedürftig und hilflos waren.

Unser Rentensystem nennt es ‚Generationenvertrag‘: wer gerne geboren sein will und Hilfe bekam, zeugt Kinder, die wiederum ihre eigenen Eltern unterstützen. So einfach, so genial ist das Vierte Gebot.

Die Zehn Gebote stellen dabei das Naturrecht dar, das letztlich für alle Religionen gilt und deshalb der Vernunft zugänglich ist: jeder kann vernünftig darlegen, warum es sinnvoll ist, gut zu handeln.

Nur wir Katholiken können es derzeit nicht.

  1. Schöpfungsordnung

Gott gebietet: „seid fruchtbar und vermehret euch“ (Gen 1,28)!

Nicht von ungefähr wurden mit der massenverhaften Verbreitung von Verhütungsmitteln immer weniger Kinder geboren: der Pillenknick.[4]

Und nicht von ungefähr gibt es seitdem eine immer weiter um sich greifende Verschuldung des Staates.[5]

Wenn die Ordnung Gottes nicht eingehalten wird, muss der Mammon angebetet werden; sprich: wenn eine gegebene Gesellschaft ihre Kinder tötet, muss sie sich Ersatz beschaffen – fremde Kinder aus fremden Ländern oder Roboter, die Kinder austragen.[6]

Es berührt eigentümlich wie einfach es 1968 war, die Warnungen der Pillen-Enzyklika Humanae vitae in den Wind zu schlagen: Abtreibung und künstliche Verhütungsmittel widersprechen dem Naturgesetz.

Und das Naturgesetz ist ganz leicht zu verstehen, denn es ist vernünftig: jede Gesellschaft braucht Kinder, weil sie sonst keine Zukunft hat; eine Gesellschaft, die ihre eigenen Kinder tötet oder verhindert, muss vollkommen zu Recht sterben.

Verstehen wir: es war der Heilige Stuhl höchst selbst, der dem bösen Treiben zugesehen hat und die Revolution durch praktisch alle deutschen Bischöfe, außer meinem Berliner Liebling Alfred Kardinal Bengsch, zugelassen hat und der so genannten ‚Königsteiner Erklärung‘[7] von 1968 nicht Einhalt gebot: weder die Rädelsführer wurden exkommuniziert noch die Erklärung kassiert: Ein böses Vorspiel für den ‚Synodalen Weg‘ 2019 fünfzig Jahre später.

  1. Berufung der Frauen: das Vierte Gebot

Über die katholische Lehre zum „Beruf“ der Frau als „Gattin und Mutter“, wie sie zuletzt mein Lieblingspapst Pius XI in seiner großartigen Enzyklika Casti Connubii[8] auf den Leuchter stellte, herrscht eisiges Schweigen.

Die katholische Kirche hat sich nicht nur in dieser Hinsicht von ihrer eigenen Lehre emanzipiert. Dabei steht die Familie mit Eltern und Kindern, jede Familie in jeder Gesellschaftsordnung, viel höher als jeder Staat es sein kann.

Die Familie steht nicht nur unter dem Schutz des Staates, wie ein seltenes Mammut im Zoologischen Garten, sondern sie muss besonders geschützt werden: jede Familie mit Kindern ist die Keimzelle des Staates. Ohne Familien mit Kindern gibt es keinen Staat.

Wer derzeit in Deutschland die Zeitungen aufschlägt, liest von explodierenden Sozialausgaben. Aber selbst wenn unser deutscher Staat alles Geld der ganzen Erde besäße, könnte er nicht die Kinder ersetzen, die durch Abtreibung getötet und durch Verhütungsmittel verhindert wurden. Der Mammon kann nicht das tun, was Menschen tun können. Gibt es keine Menschen, weil sie im Mutterleib getötet wurden, ist der Mammon wertlos.

Eine Gesellschaft, die ihre Mütter nicht schützt, umsorgt und fördert, ist in Wirklichkeit armselig, ja, sie ist bar jeden Wirklichkeitssinnes.

Solange Menschen sich geschlechtlich vermehren, braucht es Kinder, sonst ist eine jede Gesellschaft tot.

Es berührt eigentümlich, dass unsere scheinbar so aufgeklärte Zeit, diese einfachen Zusammenhänge nicht sehen will und stattdessen alle Formen des Zusammenlebens massiv fördert, ja sogar segnet, die gerade keine Kinder hervorbringen können.

  1. Logik: das griechische Erbe

Gänzlich unverständlich ist das Schweigen zum scholastischen Erbe. Nein, es geht nicht um lächerliche Spitzfindigkeiten und Spiegelfechtereien im Elfenbeinturm.

Als der größte Denker des Abendlandes dem größten Philosophen der griechischen Antike begegnete, da geschah etwas Großartiges: alle Welt gewahr, dass die menschliche Logik universell ist und allen gehört.

Thomas von Aquin hat nicht Aristoteles getauft, sondern den Hauptsatz der Logik, den Satz vom Widerspruch, auf das christliche Lehrgebäude angewandt.

Thomas hat deutlich gemacht, dass alles Sein von Gott ist und zu IHM hinführt. Das war nicht wirklich neu, sondern letztlich schon im dem griechischen Gedanken von Gott als dem ersten Beweger grundgelegt.

Wir Katholiken sind nicht einfach Teil der Aufklärung, sondern wir sind genuin Aufklärer: wir klären den Menschen darüber auf, dass es ein Leben ohne Gott möglich, aber sinnlos ist.

Dabei sind das Gesetz Gottes, nämlich seine geoffenbarte Liebe, nicht einfach heilsam, sondern grundlegend: jeder Verstoß gegen den Willen Gottes führt in den Abgrund.

[1] Traurige Premiere: Ostern im Vatikan ohne Gläubige – Vatican News (abgerufen am 30.8.25).

[2] Il coronavirus e la sospensione delle messe: così c’è il rischio di sottovalutare la solitudine – Corriere.it (abgerufen am 30.8.25).

[3] Katholische Gottesdienstbesuche bis 2024| Statista (abgerufen am 30.8.25).

[4] Vgl. Pillenknick – Wikipedia (abgerufen am 30.8.2025).

[5] Vgl. Staatsverschuldung Deutschlands – Wikipedia (abgerufen am 30.8.25).

[6] Vgl. Roboter soll bald Babys austragen mit künstlicher Gebärmutter | Leben & Wissen | BILD.de (abgerufen am 30.8.25).

[7] Vgl. Microsoft Word – Königsteiner_Erklärung.doc (abgerufen am 30.8.25).

[8] Vgl. Microsoft Word – casti_connubii.doc (abgerufen am 30.8.25).

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