Abraham im Lobgesang Mariens
Berlin, 1.März 2026
- Vorbemerkung
Der Vergleich von Hagar[1], der ägyptischen Magd des Stammvaters Abraham, mit Maria, der Allerseligsten Jungfrau, der Mutter Gottes, klingt gewagt, ja zunächst wie aus der Luft gegriffen.
Hagar wird nur von Paulus im Galaterbrief erwähnt: Gal 4,21-31; bei Paulus ist Hagar der Antityp zu Sara – Sara ist Erbe des himmlischen Jerusalems im Glauben, Hagar ist irdisch verhaftet im Gesetz des Sinai.
Der Brief an die Galater wurde wohl um das Jahr 55 geschrieben[2], als die Mission unter den Völkern, den Heiden, längst gestartet war und erste Früchte brachte.
Die Frage stand im Raum, die auf dem Apostelkonzil 48[3] behandelt wurde: in welcher Weise haben die unbeschnittenen Heiden Anteil am Heil in Christus?
Dass es genau diese Kernfrage ist, das Heil in Christus für die Heiden, in welchem es im Magnificat geht, soll hier gezeigt werden – und zwar vor allem über Textvergleiche über die griechische Übersetzung des Alten Testaments, die Septuaginta, da der Evangelist Lukas diese überaus geschätzt und vielfach zitiert hat.[4]
Dabei soll berücksichtigt werden, wie das Magnificat in das erste Kapitel des lukanischen Evangeliums eingebettet ist.
Lukas nutzt eine bekannte hebräische rhetorische Figur, den parallelismus membrorum, genauer hier antithetische Chiasmen; anders ausgedrückt: es geht um Gegensatzpaare, die kunstvoll ineinander verschränkt sind und jeweils ein Thema (Satz) mit einem verwandten Thema (Gegensatz) verknüpfen.
- Zacharias und Abraham
Wie das Ehepaar Abraham und Sara ist ebenfalls der Aaronitische Priester Zacharias mit seiner Frau Elisabet schon betagt und kinderlos (vgl. Lk 1,5-25).
Ein Engel Gottes kommt zu Zacharias in den Tempel kurz bevor der den Aaronitischen Segen spenden soll und verkündet ihm seinen ersten Sohn. Er glaubt der Verheißung des Engels an ihn nicht (vgl. Lk 1,18-20), während seine Frau Elisabet einen Lobpreis (vgl. Lk 1,25) darüber ausspricht.
Im Gegensatz zu Zacharias war es Abraham, der Gott glaubte (vgl. Gen 15,6), während Sara aufgrund ihrer Unfruchtbarkeit durch ihre Greisenhaftigkeit lachte (vgl. Gen 18,12-15), weshalb ihr leiblicher Sohn Isaak („Lachen“) [5] genannt wurde.
Bezeichnend ist die Stummheit (vgl. Lk 1,20), mit welcher Zacharias aufgrund seines Unglaubens geschlagen wird; sie korrespondiert mit der Blindheit, mit welcher die Sodomiten geschlagen werden, weil sie den Worten des unbeschnittenen Heiden Lot, der ein Neffe Abrahams ist, nicht glauben (vgl. Gen 19,11).
Und ebenfalls Lots Ehefrau wurde mit Stummheit geschlagen, indem sie wegen ihres Ungehorsams zurücksah und zur Salzsäule erstarrte (vgl. Gen 19,26).
Die Strafe für den Unglauben des Zacharias wird von Lukas scheinbar beiläufig erzählt und wird ja von Gott später von Zacharias hinweg genommen, aber hat einen tiefen Hintergrund: zum einen wird der Aaronitische Segen des Tempelkultes buchstäblich durch Gott in Gestalt des Engels verhindert; und zum anderen klingt das prophetische Wort Jesu an: „Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien.“(Lk 19,40)
Der Engel Gottes handelt hier – wie im Fall von Sodom – zum Gericht, wenn auch noch nicht mit endgültiger Vernichtung an Jerusalem. Das Thema Sodom und Gomorrha ist Teil der Gerichtspredigten Jesu (z.B. in Lk 17,28-36) und hat hier einen ersten Anklang.
- Hagar und Maria
- Engel wollen Demut
Die Magd Abrahams, Hagar, ist die einzige Frau im Alten Testament, der ein Engel begegnet und das sogar zweimal.[6]
Charakteristisch ist hier, dass Hagar vor Sara zweimal flieht: einmal zu einer Wasserquelle in der Wüste, weil sie ihrer Herrin Sara entlaufen war, die sie „misshandelte“ (Gen 16,6c).
Der Engel fordert Hagar auf: „Kehr zurück zu deiner Herrin und beuge dich unter ihre Hand!“ (Gen 16,9b)
Hier taucht im Griechischen das so wichtige Verbum ‚demütigen‘(ταπεινώθητι) auf: „Ἀποστράφητι πρὸς τὴν κυρίαν σου καὶ ταπεινώθητι ὑπὸ τὰς χεῖρας αὐτῆς.“[7]
Der Engel Gottes möchte also nicht, dass die Ägypterin die Herrschaft Saras über sie abwirft, sondern er verlangt Gehorsam. Nur im Gehorsam wird Hagar überleben und nicht zugrunde gehen.
- Geborgenheit
Marias Lebenslage ist ganz anders: in der Sicherheit des Hauses ihres Verlobten Josef flieht sie nicht, sondern sitzt in seinem Zuhause, als es heißt: „Der Engel trat bei ihr ein“ (Lk 1,28a).
Später preist Maria diesen Augenblick und singt: „Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.“ (Lk 1,48a)
Im Griechischen begegnet uns wieder das Wort für Demut: „ὅτι ἐπέβλεψεν ἐπὶ τὴν ταπείνωσιν τῆς δούλης αὐτοῦ.“[8]
Der Unterschied zwischen Maria und Hagar ist deutlich: Maria ist demütig, da sie den Herrn fürchtet und sich IHM unterordnet, während Hagar noch lernen muss.
Anders gesagt: Maria lebt demütig im Hause ihres Patriarchen, während Hagar aufbegehrt und flieht.
- Schatten
Der Engel verheißt Maria den Schatten Gottes: „Heiliger Geist wird über dich kommen und Kraft des Höchsten wird dich überschatten.“ (Lk 1,35b)
Im Griechischen lesen wir: „πνεῦμα ἅγιον ἐπελεύσεται ἐπὶ σὲ καὶ δύναμις ὑψίστου ἐπισκιάσει σοι·“[9]
Hagar wiederum flüchtet sich nicht unter den Schatten des Allmächtigen, wie es so schön bildlich in Psalm 91,1 heißt (Psalm 90,1 in LXX: „Ὁ κατοικῶν ἐν βοηθείᾳ τοῦ ὑψίστου“[10]), sondern sie bleibt obdachlos in größter Not vor dem Verdursten, während sie ihr Kind, Ismail, unter einem Strauch schutzlos lässt: sie „warf […] das Kind unter einen Strauch.“ (Gen 21,15b)
Im gesicherten Heim ihres Mannes wartet Maria auf das verheißene Kind, während Hagar das ihre schutzlos dem Verderben preisgibt.
Deutlich ist aber auch: Der Engel des Herrn erscheint Maria nur einmal, während Hagar zweimal Berührung mit den himmlischen Geistern hat.
- Abraham im Magnificat
Besonders auffällig sind die vielfältigen Anspielungen aus der Abrahamserzählung, die sich im Magnificat wiederfinden, besonders bei den Gottesnamen.
In der Vätererzählung über Abraham begegnen uns in Genesis 11 bis 25 nicht weniger als sieben Gottesnamen, die wiederum ihren Anklang teilweise im Magnificat haben.
Zuerst ist Gott ein Gott, der sieht: „Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.“ (Lk1,48b)
Hier klingt der Gott an, der mich sieht. El Roi ist der Name für Gott, den Hagar Gott gibt – in Gen 16,13 (Σὺ ὁ θεὸς ὁ ἐπιδών με).
Maria lobt „Gott, meinen Retter.“ (Lk 1,47b; τῷ θεῷ τῷ σωτῆρί μου)
In der Abrahamserzählung ist es Lot[11], der Neffe Abrahams, der von den beiden Engeln aus dem Sündenpfuhl Sodom gerettet wird. Beide Engel mussten die Familie aus Sodom regelrecht herauszehren: „Da er noch zögerte, fassten die Männer seine Hand, die Hand seiner Frau und die Hand seiner beiden Töchter, weil der Herr mit ihm Mitleid hatte.“ (Gen 19,16a)[12]
Besonders aber wird Gott als derjenige gerühmt, der Israel aus Ägypten herausgeführt hat. Dass Israel in Ägypten 400 Jahre versklavt sein würde, hatte Gott seinem Freund Abraham schon prophetisch vorhergesagt: „Sie werden dort als Sklaven dienen und man wird sie vierhundert Jahre unterdrücken.“ (Gen 15,13b).
Deswegen gehört das Lied des Moses, das er singt, als das Volk Israel durch das Rote Meer geschritten war, letztlich mit zur Abrahamsgeschichte: „er ist mir zur Rettung geworden“ (Gen 15,2b): ἐγένετό μοι εἰς σωτηρίαν[13]
Maria preist Gott als „der Mächtige“ (Lk 1,49a: μεγάλα ὁ δυνατός), was an El-Shaddai in Gen 17,1b erinnert: „Ich bin El-Schaddai“. El-Schaddai wird in der LXX z.B. bei Hiob 8,5 mit Allmächtiger (παντοκράτορα) übersetzt.
Maria preist den Namen Gottes als heilig: „sein Name ist heilig.“ (Lk 1,49b: ἅγιον τὸ ὄνομα αὐτοῦ)
Abraham rief in Bethel den Namen des Herrn an: καὶ ἐπεκαλέσατο ἐπὶ τῷ ὀνόματι κυρίου. (Gen 12,8b). Der Name HERR ist für Abraham nicht unbekannt.
Und Abraham heiligte den Namen Gottes, z.B. in seiner Fürsprache für Sodom und Gomorrha: „Siehe, ich habe es unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin.“ (Gen 18,27b: Νῦν ἠρξάμην λαλῆσαι πρὸς τὸν κύριον, ἐγὼ δέ εἰμι γῆ καὶ σποδός)
Gottes Erbarmen (ἔλεος) ist groß mit denen, die Seinen Bund bewahren – von Geschlecht zu Geschlecht, so wie es Maria bezeugt: καὶ τὸ ἔλεος αὐτοῦ εἰς γενεὰς καὶ γενεὰς (Lk 1,50a)
So heißt es in der Verheißung Gottes an Abraham: μετὰ σὲ εἰς γενεὰς αὐτῶν εἰς διαθήκην αἰώνιον εἶναί σου θεὸς (Gen 17,7b)
Und wieder ist es Lot, der Neffe Abrahams, ein waschechter unbeschnittener Heide, der bei seiner Rettung aus Sodom durch den Engel bekennt: „Siehe, dein Knecht hat Gnade in deinen Augen gefunden. Du hast mir große Gunst erwiesen und mir mein Leben bewahrt.“(Gen19,19a: ἐπειδὴ εὗρεν ὁ παῖς σου ἔλεος ἐναντίον σου καὶ ἐμεγάλυνας τὴν δικαιοσύνην σου, ὃ ποιεῖς ἐπ᾽ ἐμέ, τοῦ ζῆν τὴν ψυχήν μου)[14]
Maria weiß, dass das Erbarmen Gottes für alle, „die ihn fürchten“ gilt (Lk 1,50b: τοῖς φοβουμένοις αὐτόν)
Abraham höchstselbst hörte auf den Engel Gottes, wie es Maria tat – und das hat eine große Verheißung, nämlich die Verheißung Gottes, um die es ebenfalls im Galaterbrief gehen wird.
Und Abraham hörte in einer der schönsten Geschichten auf den Engel des Herrn, nämlich gerade dann, als er seinen Sohn Isaak Gott darbringen wollte.
Der Engel Gottes sprach zu Abraham: „Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest“(Gen 22,12b: νῦν γὰρ ἔγνων ὅτι φοβῇ τὸν θεὸν σὺ).[15]
Maria preist Gott: „Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind.“(Lk 1,51: Ἐποίησεν κράτος ἐν βραχίονι αὐτοῦ, διεσκόρπισεν ὑπερηφάνους διανοίᾳ καρδίας αὐτῶν·)
Dies wurde buchstäblich in der Geschichte von Sodom und Gomorrha an Lot erfüllt: „Da streckten jene Männer die Hand aus, zogen Lot zu sich ins Haus und sperrten die Tür zu. Dann schlugen sie die Männer, Groß und Klein, mit Blindheit, so dass sie sich vergebens bemühten, den Eingang zu finden.“(Gen 19,10f: ἐκτείναντες δὲ οἱ ἄνδρες τὰς χεῖρας εἰσεσπάσαντο τὸν Λωτ πρὸς ἑαυτοὺς εἰς τὸν οἶκον καὶ τὴν θύραν τοῦ οἴκου ἀπέκλεισαν· 11τοὺς δὲ ἄνδρας τοὺς ὄντας ἐπὶ τῆς θύρας τοῦ οἴκου ἐπάταξαν ἀορασίᾳ ἀπὸ μικροῦ ἕως μεγάλου, καὶ παρελύθησαν ζητοῦντες τὴν θύραν.)
Maria singt: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“(Lk 1,52: καθεῖλεν δυνάστας ἀπὸ θρόνων καὶ ὕψωσεν ταπεινούς)
Und wieder war es Lot, von dem wir hören, dass er die Proskynese übte, also sich tief herabneigte, um den Engeln Ehrerbietung zu erweisen: „Als er sie sah, erhob er sich, trat auf sie zu [und] warf sich mit dem Gesicht zur Erde nieder“(Gen 19,1b: ἰδὼν δὲ Λωτ ἐξανέστη εἰς συνάντησιν αὐτοῖς καὶ προσεκύνησεν τῷ προσώπῳ ἐπὶ τὴν γῆν).
Durch das himmlische Feuer auf Sodom wurde der König von Sodom, mit dem Abraham verfeindet war (vgl. Gen 14,21-24), nicht nur entthront, sondern ganz in dem Feuer vernichtet, das vom Himmel gefallen ist (vgl. Gen 19,23f).
Maria lobpreist Gott: „Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“(Lk 1,53: πεινῶντας ἐνέπλησεν ἀγαθῶν καὶ πλουτοῦντας ἐξαπέστειλεν κενούς.)
Es ist leicht hier an die Flucht Abrahams vor der Hungersnot nach Ägypten zu denken: dort überlebte Abraham nicht nur, sondern wurde reich, da der Pharao Abraham um Saras willen gut behandelte: „Er bekam Schafe und Ziegen, Rinder und Esel, Knechte und Mägde, Eselinnen und Kamele.“(Gen 12,16)
Der Pharao aber wollte Sara – und bekam sie nicht.
Am Ende bekennt Maria im Magnificat: „Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unseren Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.“(Lk 1,54f: ἀντελάβετο Ἰσραὴλ παιδὸς αὐτοῦ, μνησθῆναι ἐλέους, καθὼς ἐλάλησεν πρὸς τοὺς πατέρας ἡμῶν, τῷ Ἀβραὰμ καὶ τῷ σπέρματι αὐτοῦ εἰς τὸν αἰῶνα.)
Die Verheißung Gottes an Abraham gilt allen Nachkommen Abrahams: allen, die vom Samen Abrahams (τῷ σπέρματι αὐτοῦ) abstammen.
Das gilt für die beschnittenen leiblichen Nachkommen, wie Isaak: „Für dich und deine Nachkommen nach dir werde ich Gott sein.“(Gen 17,7: εἶναί σου θεὸς καὶ τοῦ σπέρματός σου μετὰ σέ)
Und dies sagt Gott ebenfalls dem anderen beschnittenen Sohn, Ismail, dem Sohn der Magd Hagar: „Mehren, ja mehren werde ich deine Nachkommen, sodass man sie wegen ihrer Menge nicht mehr zählen kann.“(Gen 16,10: Πληθύνων πληθυνῶ τὸ σπέρμα σου, καὶ οὐκ ἀριθμηθήσεται ἀπὸ τοῦ πλήθους.)
Ja, auch Ismail ist aus dem Samen Abrahams: τὸ σπέρμα σου.
- Johannes der Täufer
- Er hat Gnade vor Gott gefunden
Die Nachbarn von Elisabet preisen das Erbarmen Gottes, das sich in der Gnade der späten Geburt Elisabets zeigt: „τὸ ἔλεος αὐτοῦ“(Lk 1,58c).
Wie das Novum Testament Graece[16] bemerkt, gibt es hier einen Anklang an Gen 19,19: „ἐπειδὴ εὗρεν ὁ παῖς σου ἔλεος ἐναντίον σου“.
Lot bedankt sich beim Engel Gottes über die Gnade von diesem aus Sodom gerettet zu werden, während sich die Nachbarn rein menschlich über die Geburt eines Kindes freuen.
- Beschneidung des Johannes
Hier ist es die Mutter des Kindes, Elisabet (vgl. Lk 1,59-64), nicht der Kindesvater, Zacharias, die die Beschneidung des Johannes leitet, und zwar, worauf das Novum Testamentum Graece[17] hinweist – nach dem Wort, das Gott an Abraham richtet, nicht nach der Vorschrift des später erfolgten Mosaischen Gesetzes: „ἦλθον περιτεμεῖν τὸ παιδίον“(Lk 1,59)
Und das ist ganz erstaunlich: offenbar erfolgte die Beschneidung privat beim Ehepaar Zacharias zu Hause und nicht im Tempel; und dies wohl deshalb, weil Zacharias durch seine Stummheit als Priester praktisch arbeitsunfähig ist.
Elisabet ließ also Johannes genauso beschneiden, wie es Abraham mit Isaak tat: ohne Tempel.
Die Mutter Elisabet steht hier im Gegensatz zu Abraham (vgl. Gen 17,12a), der den leiblichen erstgeborenen Sohn beschneiden lässt: „καὶ παιδίον ὀκτὼ ἡμερῶν περιτμηθήσεται ὑμῖν πᾶν ἀρσενικὸν εἰς τὰς γενεὰς ὑμῶν“.
- Gal 3,16 und Act 13,14
Paulus greift die Frage nach dem Heil für die unbeschnittenen Heiden in den beiden Kapiteln drei und vier seines Galaterbriefes auf.
Ihm geht es dort um die Frage, ob die leibliche Abkunft von Stammvater Abraham, die sowohl die beschnittenen Israeliten, die von Isaak abstammen, als auch die beschnittenen Heidenvölker, die von Ismail abstammen, betrifft, für die Erlangung des himmlischen Heils von Bedeutung ist.
Er verneint diese Frage eindeutig. Letztlich ist allein Jesus Christus der wahre Erbe Abrahams: „Abraham wurden die Verheißungen zugesprochen und seinem Nachkommen. Es heißt nicht: und den Nachkommen, als wären viele gemeint, sondern es wird nur von einem gesprochen: und deinem Nachkommen, das aber ist Christus.“(Gal 3,16: τῷ δὲ Ἀβραὰμ ἐρρέθησαν αἱ ἐπαγγελίαι καὶ τῷ σπέρματι αὐτοῦ. οὐ λέγει· καὶ τοῖς σπέρμασιν, ὡς ἐπὶ πολλῶν ἀλλ’ ὡς ἐφ’ ἑνός· καὶ τῷ σπέρματί σου, ὅς ἐστιν Χριστός.)
Paulus ruft den Heiden, beschnitten oder unbeschnitten, zu: „Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid Kinder der Verheißung wie Isaak! Doch wie damals der Sohn, gemäß dem Fleisch gezeugt war, den verfolgte, der gemäß dem Geist gezeugt war, so geschieht es auch jetzt. In der Schrift aber heißt es: Stoß die Sklavin und ihren Sohn hinaus! Denn der Sohn der Sklavin soll nicht Erbe sein zusammen mit dem Sohn der Freien.“(Gal 4,28-30: Ὑμεῖς δέ, ἀδελφοί, κατὰ Ἰσαὰκ ἐπαγγελίας τέκνα ἐστέ. ἀλλ’ ὥσπερ τότε ὁ κατὰ σάρκα γεννηθεὶς ἐδίωκεν τὸν κατὰ πνεῦμα, οὕτως καὶ νῦν. ἀλλὰ τί λέγει ἡ γραφή; ἔκβαλε τὴν παιδίσκην καὶ τὸν υἱὸν αὐτῆς· οὐ γὰρ μὴ κληρονομήσει ὁ υἱὸς τῆς παιδίσκης μετὰ τοῦ υἱοῦ τῆς ἐλευθέρας.)
Und Paulus ruft uns allen zu: „Wandelt im Geist, dann werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen! Denn das Fleisch begehrt gegen den Geist, der Geist gegen das Fleisch, denn diese sind einander entgegengesetzt, damit ihr nicht tut, was ihr wollt. […] Die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt.“(Gal 5,16.24)
In seiner Missionspredigt an die Juden und Heiden in Antiochia fasst dies Paulus an die Israeliten und Gottesfürchtigen („ἄνδρες Ἰσραηλῖται καὶ οἱ φοβούμενοι τὸν θεόν“Act 13,16b) so zusammen: „Ihr sollt also wissen, meine Brüder: Durch diesen wird euch die Vergebung der Sünden verkündet und in allem, worin euch das Gesetz des Mose nicht gerecht machen konnte, wird jeder, der glaubt, durch ihn gerecht gemacht.“(Act 13,38f: γνωστὸν οὖν ἔστω ὑμῖν, ἄνδρες ἀδελφοί, ὅτι διὰ τούτου ὑμῖν ἄφεσις ἁμαρτιῶν καταγγέλλεται, [καὶ] ἀπὸ πάντων ὧν οὐκ ἠδυνήθητε ἐν νόμῳ Μωϋσέως δικαιωθῆναι, 39ἐν τούτῳ πᾶς ὁ πιστεύων δικαιοῦται.)
Hier haben wir den Kern der Missionsbotschaft, das Evangelium: Es ist der Glaube an die Vergebung der Sünden durch Jesus Christus, der uns gerecht macht.
Oder in der Sprache der Allerseligsten Jungfrau: „Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.“(Lk 1,50)
Es ist das Erbarmen Gottes, das wir brauchen – Juden und Heiden –, nämlich Gottes Gnade durch den Heiligen Geist, damit wir Gott wahrhaft fürchten können.
- Zusammenfassung
Der Evangelist Lukas zeigt im ersten Kapitel nicht nur seine vollkommene Bibelkenntnis, sondern seine meisterhafte Darstellung biblischer Geschichte.
Das Magnificat ist fern davon, ein reines Sammelsurium von Bibelfetzen zu sein, sondern ist vielmehr fein gewebt – wie ein orientalischer Teppich.
Viele verschiedene Anklänge an die Abrahamsgeschichte ergeben ein klares Bild: Jerusalem droht Unheil. Der verheißene Retter ist das Licht der Welt, aber nicht für den Tempel.
Umso gigantischer leuchtet uns Maria hervor, unser Morgenstern: sie wollte den gebären, der ihr persönlicher Retter ist – und war bereit alles, was ihr lieb und teuer war, darein zu geben – ihren geliebten Sohn, ihre Heimat und den so schönen Tempel, einfach alles.
De Maria numquam satis: Es ist nicht möglich, Maria genug zu loben!
- Literaturverzeichnis
- Balz, Art. phobew, ThWNT 9, 201-2016
- Bovon, Francois, Das Evangelium nach Lukas, EKK III/1, Osterfildern/Göttingen 3.Auflage 2019.
- Bultmann, Rudolf, Art. eleos, ThWNT 2, 474-483.
- Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament (ThWNT), Stuttgart 1933-1973.
- Novum Testament Graece, hg.v. Kurt Aland, Stuttgart 27.Aufl.1993.
[1] Vgl. Hagar – Wikipedia (abgerufen am 10.1.26).
[2] Vgl. Brief des Paulus an die Galater – Wikipedia (abgerufen am 10.1.26).
[3] Apostelkonzil – Wikipedia (abgerufen am 10.1.26).
[4] Bovon, 16.
[5] „Der Name wird bereits innerbiblisch mit der Wurzel צחק śḥq / שׂחק ṣḥq „lachen“ auf verschiedene Weise in Verbindung gebracht.“ Isaak – Wikipedia (abgerufen am 28.2.26).
[6] Vgl. Hagar (abgerufen am 10.1.26).
[7] GENESIS 16 – Septuaginta (abgerufen am 10.1.26).
[8] Lukas 1 – Novum Testamentum Graece (abgerufen am 10.1.26).
[9] Lukas 1 – Novum Testamentum Graece (abgerufen am 10.1.26).
[10] PSALMI 90 – Septuaginta (abgerufen am 10.1.26).
[11] Lot (abgerufen am 10.1.26).
[12] καὶ ἐταράχθησαν· καὶ ἐκράτησαν οἱ ἄγγελοι τῆς χειρὸς αὐτοῦ καὶ τῆς χειρὸς τῆς γυναικὸς αὐτοῦ καὶ τῶν χειρῶν τῶν δύο θυγατέρων αὐτοῦ ἐν τῷ φείσασθαι κύριον αὐτοῦ.
[13] EXODUS 15 – Septuaginta (abgerufen am 10.1.26).
[14] Vgl. Bultmann, 476.
[15] Vgl. Balz, 208f.
[16] NTG, 154.
