John Wayne & Co.
Berlin, 9.Februar 2020
Nachdem mein Sohn aus dem computeranimierten Zeitalter herausgewachsen war, musste ich mich umstrukturieren: konnte es sein, dass es noch andere Filme als ‚Kung Fu Panda‘ oder ‚Drachen zähmen‘ oder ‚Oben‘ gab?
Ich konnte mich ja nicht lächerlich machen und immer quasi Babyfilme anschauen, wie mein Sohn wohl von mir dachte, als er längst ‚Batman‘ und die ‚Tribute von Panem‘ entdeckte.
Dazu muss man wissen: ich bin einer von einer Million Fernsehverweigerern, die also regierungsamtlich GEZ-Gebühren zahlen und Kabelgebühren über den Mietvertrag und einen Fernseher haben, aber kein Kabel dafür.
Denn für mich ist fast jeder Film ein Ereignis mit Seltenheitscharakter, denn ich lasse die filmischen Meisterwerke bestenfalls dreimal im Monat an meine Seele heran.
Wir tragen Verantwortung für das, was wir tun und für das, was wir nicht tun: Bilderrausch ist Reizüberflutung und gar nicht gut.
Das Tolle an den computeranimierten Kinderfilmen ist, dass sie auf höchstem Niveau wunderbare Pädagogen sind.
Und das wichtigste Thema im Leben von Erwachsenen umgehen sie quasi spielerisch: den Tod.
Bis heute kann nicht verstehen, wie Simbas Vater im ‚König der Löwen‘ sterben konnte; unbegreiflich, warum Bambis Mutter erschossen wurde: kein Kind kann diese Fragen beantworten!
Und deshalb war es so gigantisch, wie diese schrecklichste aller Fragen, die nach dem Tod, in ‚Kung Fu Panda 2‘ gestellt wurde: der Oberschurke Lord Shen richtet sich quasi selbst, nicht durch inszenierten Selbstmord, sondern indem er dem Unglück – einem umstürzenden Kanonenrohr – nicht ausweicht. Genialer können Menschheitsfragen nicht gelöst werden.
Nun zum Thema ‚Western‘. Ich bin mit ihnen aufgewachsen: John Wayne, der Unsterbliche; Burt Lancaster, der harte Muskelpack; James Stewart, der smarte Gentleman (der hier aber nicht weiter behandelt werden soll).
Das geheime Thema ist die Frage: Für welche Sache soll ein Mensch sich einsetzen? Und: bis zum Tod?
Die spannenden Geschichten, die herrlichen Landschaften und der Staub sind quasi nur der Lokalkolorit dieser uralten Menschheitsfragen.
Ein guter Western lässt die gute Geschichte sprechen, denn zu viele Worte zerstörten häufig die Wirkung. Ein guter Western ist wie ein Bilderbogen, der in seinem Mosaik der Deutung bedarf. Alles zusammen muss gesehen werden, deswegen wird nicht viel gequatscht.
- Der beste Western aller Zeiten: „Die Cowboys“
Praktisch alle Western des alten John Wayne sind auf ihre eigene Art unbeschreiblich genial. Der junge Wayne sah zu gut aus, um wirklich gut zu sein. Er glaubte immer, Aussehen sei alles.
Der alte John Wayne lässt umgekehrt alles mit sich machen, was die vielen guten Regisseure mit ihm vorhatten: z.B. darf er schon mal witzig sein als Marshall Rooster Cogburn in ‚Mit Dynamit und flotten Sprüchen‘ an der Seite der ebenfalls begnadeten Katherine Hepburn.
In diesem unbekannten Western darf er etwas, was er m.W. niemals vorher tat: erschossen werden! Und wie er stirbt, unbeschreiblich.
Die Geschichte ist banal: ein älterer Mitbürger (J.W.) hat gut gearbeitet und will seine Rinderherde verkaufen; dummerweise sind seine Nachbarn vom Goldrausch erfasst worden, so dass er auf die insgesamt gute Idee kommt, Jugendliche anzuheuern. Ich habe vergessen, wie alt sie waren: zwölf?
Die Geschichte nimmt an Fahrt auf und Bilder, die wie auf einem Bogen erscheinen, haben ihre Bedeutung. Zusammen ergeben sie ein einzigartiges Bild.
Der einzige Western, indem Wayne von einem Stotterer zu Recht beschimpft wird: „Sie Arschloch, sie dummes Arschloch!“ oder war es „Rindvieh“?
Die Legende wird erschossen und vorher von einem Grünschnabel beschimpft: riesig!
- Die schönste Liebesszene: ‚Weites Land‘
Ich mag Kevin Costner nicht; ‚Der mit dem Wolf tanzt‘ ist mir zu lang und zu brutal, so dass ich den Film nie zu Ende gesehen habe.
Meisterhaft ist, wie eine andere Legende in Szene setzt: Robert Duvall. Er ist, jedenfalls nach meiner Kenntnis, eher unbekannt.
Hier spielt er die Hauptrolle als alter Viehtreiber; an seiner Seite ein Youngster, Kevin Costner, der auch Regie führt.
Als guter Westerndarsteller redet Duvall nicht viel. Er wartet ab und macht gibt nur spärliche Kommentare.
Während Duvall ein früheres gesittetes Leben mit Frau kennt, war Costner ein gnadenloser Killer im Dienst der Armee.
Im Film geht es um das alte Thema von Stadt und Land, von Besitz und grenzenloser Freiheit: die reichen Städter zäunen alles ein, während die armen Cowboys sintflutartigen Regenfällen ausgeliefert sind.
Genial ist, wie Duvall im Hause einer Dame Kaffee trinken will: er versucht die Tasse aus feinstem Porzellan an den Mund zu führen – und kann es nicht, weil alle Knochen seiner Hand gebrochen sind…
Noch genialer die Liebesszene: beinahe kommt es zum alptraumhaften Showdown im Hause der Dame, weil Kostner in Tagträumen seine Vergangenheit einholt. Später gesteht er seine Sünden und kann es selbst einfach nicht begreifen, wie er es verdient haben soll, diese freundliche Dame küssen zu dürfen: sie tut es für ihn schließlich… unbeschreiblich lieblich!
- Der härteste Western aller Zeiten: ‚Feinde – Hostiles‘
Durch meinen Sohn lernte ich die ‚Batman‘-Triologie kennen und Christian Bayle schätzen. Inzwischen kenne ich knapp ein Dutzend seiner Filme und bin begeistert. Es gibt nichts, was wirklich schlecht ist, was er gespielt und hoffentlich noch weiterhin spielen wird.
Eine Versuchung des modernen Films ist die technische Perfektion in der Darstellung von Gewalt. Die guten Western zeigen immer, immer!, nicht alles, weil das Sterben im ureigentlichsten Sinne Privatsache sein muss.
Sicher, wie und wer zum Tode hinführt, ist wieder etwas Anderes, aber niemand muss wissen, wie Gedärme spritzen, wenn es eine Schrottflinte war, aus der gefeuert wurde.
Dieser Film geht an die Grenzen dessen, was gezeigt werden sollte – anders als ‚Der mit dem Wolf tanzt‘, der der Versuchung erliegt.
In der Geschichte es um letztlich drei Hauptfiguren: einen Soldaten, der durch Indianer viel erlitten hat; einen krebskranken Indianerhäuptling, der zum Sterben in sein altes Reservat geführt werden soll, als Gnadenakt; und eine hübsche Familienmutter.
Die Wucht des Films liegt in dem Leiden der drei Darsteller, die im Film nacheinander erzählt werden: es ist hochdramatisch, was ihnen allen geschieht.
Und Gott sei Dank bekommen sich die beiden Weißen am Schluss: und das ist in vielen hochklassigen Western nicht ausgemacht, denn die echte Liebe hat wenig Chancen im Wilden Westen.
- Der klassische Underdog: ‚Valdez kommt‘
Niemand ist für den klassischen Western so prädestiniert wie Burt Lancaster, natürlich nach John Wayne: ein Muskelpaket sondergleichen, gutaussehend, ein Haudegen eben.
Hier spielt er einen Mexikaner. M.E. verachten fast alle Gringos, also Nordamerikaner ihre südlichen Nachbarn, die als faul und feige gelten. Es gibt keine Handvoll Western mit Mexikanern als Helden.
Und hier ist einer: er kommt ganz leise daher. Er darf dienen, er darf den Mund halten und er darf einstecken.
Und er dient, hält den Mund, steckt ein – und gewinnt seine Würde zurück, in praktisch aussichtsloser Situation. Ganz allein gegen praktisch alle anderen. Ein klassischer Western also.
Und er nimmt Rache, von der niemand erwartet hat, dass er den Mut dazu aufbringt. Ganz zum Schluss gewinnt er doch, wenn auch nicht durch sich selbst. Unerwartet hat er ein bisschen Glück.
Das ist eine atemberaubend packende Geschichte, von der niemand erwartet hat, dass Burt Lancaster in ihr spielt. Spannend bis zum Schluss.
- Und ein Mädchen: ‚True Grit‘
Weibliche Wesen kommen selten als Helden vor, schon gar nicht in einer Hauptrolle; denn es geht um das Schießen und Töten, eher nicht das Metier von Frauen.
Hier ist scheinbar anders, scheinbar, denn das Ende lässt den Zuschauer ratlos.
Der Western ist auch brutal, aber vor allem eine Art Lehrstück: vor jeder einzelnen Szene zeigt er dem Zuschauer die Möglichkeiten auf, die sich den Akteuren bieten – sie könnten so oder auch ganz anders handeln.
Es geht um die Geschichte einer jungen Frau, deren Vater hinterrücks ermordet wurde; während alle anderen zur Tagesordnung übergehen wollen, möchte sie alleine Rache.
Und sie ist mutig und kämpft und kämpft.
Die Darsteller sind nicht sonderlich gut, aber der Kameramann bringt das Ganze zu einem guten Abschluss. Die Landschaftsaufnahmen sind grandios; allein der Schlussritt der von einem Schlangenbiss vergifteten Heldin ist wahrlich traumhaft schön!
Scheinbar banal ist das Ende: alle Helden, einschließlich des Mädchens, sind es eigentlich nicht, denn sie wachsen nicht über sich hinaus.
Das Mädchen will Rache um der Rache willen; sie wartet auf eine weitere Antwort eines gutaussehenden Mannes, der sich um sie bemüht hatte und von ihr barsch abgewiesen wurde; und als sie dann auch mal dankbar sein wollte, war der, dem sie Dank schuldete, schon unter der Erde.
Die vorgeblichen Helden haben zwar viel Tapferkeit gezeigt, aber nur um ihrer eigenen Ehre willen; der andere blieb ihnen fremd.
- Eine Warnung: die Kollektion der ‚Süddeutschen Zeitung‘
Am Schluss muss gewarnt werden: die linkslastigen Kulturkritiker haben das Western-Thema gründlich missverstanden.
Ihre Sammlung von fünfzehn angeblich „klassischer“ Western enthält nur eine Handvoll Klassiker – die zehn anderen sind vor allen Dingen langweilig, weil sie das Thema verfehlen: in ihnen wird der Tod durch Ironie und unpassende Zeitkritik verharmlost. Besser gar nicht erst durchstöbern.
