Winnetou und ich

Völkerfreundschaft und Tapferkeit

Berlin, 27.August 2022

Jetzt mal ehrlich: geht’s noch? Winnetou und Old Shatterhand, die beiden ewigen Vorbilder von Völkerfreundschaft, Tapferkeit und Überwindung von Vorurteilen in meiner Kindheit, sollen heutzutage genau für das Gegenteil einstehen: für Herabwürdigung, ja, das Verkitschen indigener Kultur und Verharmlosung von Gräueltaten an den Indianern?

  1. Der Filmklassiker meiner Kindheit: ‚Schatz im Silbersee‘

Was habe ich den Film geliebt – und auch alle anderen mit Pierre Brice, dem einzig wahren Winnetou.

Old Shatterhand mochte ich nie so richtig, denn ich fand Indianer immer edel und tapfer und gut, anders als die blöden Weißen, die immer etwas zu brutal und dumm und geldgierig waren.

Und der ‚Schatz im Silbersee‘: Sinnbild einer Wunderwelt mittels einer wunderschönen Höhle, die mit Fackeln ausgeleuchtet wurde und in welcher ein weiser Indianerhäuptling einen Schatz bewachte, damit dieser nicht geldgierigen Menschen zum Opfer fiel.

Von diesen Schätzen, die in Indianerfilmen eine große Rolle spielen, gibt es einige. Denn eines ist klar: die Indianer, was immer man von ihnen halten mag, waren nicht geldgierig. Sie waren meist nicht sesshaft und ihre unbestrittene Naturverbundenheit ließ Geld und Kostbarkeiten nicht die Stellung innehaben, die typisch für die Kultur der Weißen ist.

  1. Indianer spielen – niemals einen Cowboy

Wie kann es schlecht sein, wenn Kinder, gerade Jungs, Indianer spielen? Jedes Kind auf der ganzen Welt weiß, dass es freie Indianervölker heute nicht mehr gibt; nur noch in heruntergekommenen Reservaten leben einige Indigene, meist in großer Armut.

Alleine die Identifikation mit den Volksstämmen der Indianer, die das schwere Los fast vollständiger Vernichtung gezogen haben, ist eine edle und schöne Sache.

Und mal ehrlich: niemand pirscht sich lautlos durch die Büsche in unserem Kleingarten, wenn nicht der kleine Stephan, der einen Indianer nachahmt.

Cowboys schleichen sich nicht an: sie reiten lautstark und in Kampfformation durch die Prärie und vertrauen nicht Manitou und ihrer eigenen Geschicklichkeit, sondern der überlegenen Technik ihrer Feuerbüchsen.

Der edle Wilde, der Indianer, kämpft mit dem Messer. Und er entscheidet, ob der Gegner leben darf oder nicht. In nicht wenigen Indianerfilmen ist das Ergebnis des Nahkampfes nicht vorhersehbar, weil der Indianer nicht wahllos tötet, sondern sehen will, wie es wirklich ist. Und in so manchem Film ist der vermeintliche Feind ein Freund.

Ja, die Weißen morden und brandschatzen in Horden. Das können auch Indianer. Und das tun auch Indianer in den Filmen Karl Mays. Dort gibt es auch die bösen Indianer. Jawohl, das ist nicht unwichtig.

Aber es kostet die Indianer mehr, weil sie selten die überlegenen Waffen der Weißen haben. Weil ein Flitzebogen weniger Menschen töten kann als eine Feuerbüchse.

Ich weiß nicht mehr, wie häufig ich meinen Lieblingsfilm gesehen habe und all die anderen. Ich würde sagen: immer dann, wenn sie im Fernsehen liefen. Und sie liefen häufig. Besonders im Sommer hieß das: Fernsehen und dann im Kleingarten meiner Eltern nachspielen. Von Busch zu Busch, auf die Bäume. Und ein Zelt bauen.

Für eine gute Sache tapfer sein, sich schmutzig machen und lernen, zu hören und zu sehen, was alles in der Welt passiert: das kann nicht falsch sein!

  1. Meine Silberbüchse und die heutige Wirklichkeit

Und wie war ich enttäuscht, als ich meine erste Silberbüchse geschenkt bekam: so gar nicht schön! Alles Plastik und viel zu klein.

Und das eben ist das Geheimnis der deutschen Indianerliebe: die wenigsten Jungs werden Indianerschmuck getragen haben, Federn und so etwas. Und Schminke war auch verpönt. Aber Indianer zu sein, ist eine Sache des Herzens, nicht eine der Äußerlichkeiten.

Denn was versuchen Winnetou und Old Shatterhand im ‚Schatz im Silbersee‘ zu tun? Sie stellen die Gerechtigkeit wieder her, die ziemlich arg in Schieflage geraten ist, nämlich genau durch die weiße Geldgier.

Und ist es nicht das, was wir heute brauchen: Bürgersinn von Weißen und Indianern, die nicht darauf warten, bis eine weit entfernte Staatsgewalt geneigt ist, einzugreifen?

Wenn Winnetou und Old Shatterhand nicht zu Vorbildern taugen, wen sollen wir dann nachahmen?

Die modernen Besserwisser bei ‚Ravensburger‘, die Winnetou-Bücher einstampfen, und die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, die schon seit Jahren die Karl-May-Klassiker im Fernsehen nicht mehr zeigen, wollen eines ganz genau: nicht nur Recht haben, sondern die allgemein menschlichen Tugenden von Gerechtigkeit und Tapferkeit zerstören, weil die Bürger nicht Bürgersinn entwickeln, sondern auf die Obrigkeit hören sollen.

Und wenn die Obrigkeit in weit entfernten Forts der Kavallerie thront? Dann eben Pech gehabt, so denkt die moderne Cancel Culture, der die scheinbare Gerechtigkeit lieber ist als selbständiges Denken und Handeln.

Winnetou und Old Shatterhand machten keine Bittgänge, sondern helfen mit dem, was sie haben. Und sie setzen ihr Leben ein.

Solch eine hanebüchene Entscheidung des ‚Ravensburger Verlages‘ zeigt, wes Geistes Kind sie sind: lebensfremd und vor allen Dingen undemokratisch.

Der Geruch von Bücherverbrennungen liegt in der Luft: totalitäre Gehirnwäsche ist gerade en vogue, oder besser: in woke!

Ein Gedanke zu “Winnetou und ich

  1. Ja, der Geruch der Bücherverbrennung… man kann ihn schon ahnen. Wenn wir alle Bücher, die nicht mehr zeitgemäß sind, ächten, dann bitte auch Goethe und Schiller…
    Ich bin es so leid, dass es Leute in Politik und Verlagen es immer allen recht machen wollen.

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse eine Antwort zu Ulrike Antwort abbrechen