Von der Feindesliebe

Sechs Ratschläge für die Todeszone

Berlin, 25.Februar 2023

Die meisten Christen denken, seine Feinde zu lieben, sei ein Luxusproblem für Elite-Christen: weit gefehlt.

Ein Feind ist jemand, der uns ohne guten Grund widerstrebt, ja derjenige, der nicht nur unsere guten Werke vernichten will, weil er uns abgrundtief hasst, sondern uns höchstselbst.

Es geht bei der Feindesliebe also um Leben und Tod, um nichts weniger.

  1. Vergebung ist das Grundgesetz im Reich Gottes

Alle Christen beten im Vaterunser den so wichtigen Satz: „Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben!“ (Mt 6,12; καὶ ἄφες ἡμῖν τὰ ὀφειλήματα ἡμῶν, ὡς καὶ ἡμεῖς ἀφήκαμεν τοῖς ὀφειλέταις ἡμῶν·)

Wir alle sind bis zu unserer Bekehrung Todfeinde Gottes und brauchen Seine Vergebung. Wir selbst sind die Feinde Gottes, bis wir umkehren und Buße tun!

Niemals dürfen wir vergessen, in unserem Feind uns selbst zu sehen: wir sind nicht anders als unser Feind, denn wir waren einmal genauso.

Wenn ich als bekehrter Christ die Vergebung meines Heilands Jesus Christus annehmen möchte, so muss ich selbst allen Menschen, den Guten und den Bösen, vergeben.

Das ist das Grundgesetz des Reiches Christi, darunter geht es eben nicht.

Wir müssen uns geistlich klar machen, dass unser Feind letztlich ein Bruder unseres Herrn Jesus Christus ist, nämlich ein verlorenes Schaf.

Und weil Jesus ihn annimmt, müssen wir ihn ebenfalls annehmen: ja, wir müssen, darunter geht es eben nicht.

  1. Keine psychologischen Tricks: ein Feind will den Tod

Manchmal scheint es hilfreich zu sein, wenn wir bei Menschen, die meistens gut sind oder es einmal waren, uns an die guten Zeiten erinnern, z.B. wenn sie sich zum Schlechten entwickelt haben.

Das ist ein psychologischer Kunstgriff, der durchaus seine Berechtigung haben kann. Nur nutzt er sich mit der Zeit ab.

Und manchmal sind Erinnerungen einfach zu wertvoll, um sie als psychologische Waffe, quasi als Gegenzauber, zu benutzen.

Letztlich steht hinter den Erinnerungen der übergroße und berechtigte Wunsch, dass der alte Zustand wiederhergestellt wird. Manchmal ist das der Fall.

Nur meint die vergebende Feindesliebe etwas ganz Anderes: wir sollen unserem Feind vergeben, weil Gott uns unsere eigene Feindschaft gegen IHN vergeben hat. Das ist etwas ganz Anderes.

Letztlich bewahrt uns der geistliche Kampf vor der Verzweiflung unserer Machtlosigkeit, die zu Depressionen führen kann.

Die guten Erinnerungen mögen zunächst trösten, aber stumpfen bei anhaltender Feindseligkeit ab und verlieren für uns an Wert.

Werfen wir die kostbaren Perlen von schönen Erlebnissen nicht vor die Säue, sondern kämpfen wir den guten Kampf des Glaubens mit geistlichen Waffen.

  1. Der Sünde meines Todfeindes ins Auge schauen

Die Todsünde meines Feindes will meine Vernichtung, vielleicht nur meiner guten Werke, in der Steigerung meiner Person.

Mein Todfeind will mich nicht. Rufmord zum Beispiel klingt so, als geschähe er nur in der großen Öffentlichkeit auf einer Bühne im Scheinwerferlicht.

Nein, Rufmord geschieht im Kleinen, dort, wo Arbeitskollegen zum Beispiel nach Fehlern bewusst suchen.

In der digitalen Arbeitswelt liegen die Fürchte der Datenarbeit für jeden unmittelbar vor Augen. Wer selbst die Fehler der Anderen ausbügelt und ohne Murren darüber hinweggeht, der weiß, wie brutal hart es sein kann, wenn die beste Absicht in den Schmutz gezogen wird.

Das schreit nach Rache, buchstäblich, denn die Todsünde ist zutiefst ungerecht. Es ist einfach nicht in Ordnung, wenn Unrecht geschieht.

Und es ist unheimlich, denn unser natürlicher Schutz vor Anfeindung besteht nicht mehr. Grenzen werden verschoben, wenn Persönlichkeitsrechte nichts gelten.

Wenn Rufmord vor Gericht zu beweisen wäre, dann ginge es um viel Geld, das den erlittenen Schmerz ausgleichen könnte. Selten ist das der Fall.

Es ist unmittelbar wichtig, der Sünde ins Auge zu schauen, denn nur so können wir vergeben. Das geistliche Grundgesetz, anderen zu vergeben, macht keinen Sinn, wenn wir Heuchler sind und unser angeblicher Feind eigentlich nichts Schlimmes getan hat.

  1. Eigene Heuchelei bekämpfen: Demut

Wer wirklich ständig mit Todsündern zu tun, der kommt sich vor wie einer der einen Komposthaufen aufgräbt: Regenwürmer, Käfer und andere Kreaturen kommen uns entgegen und bewirken nicht selten Ekel.

Ja, Sünde ist eklig, denn sie zeigt die hässlichste Seite von uns Menschen. Schwäche und Fehler mögen zu ertragen sein, aber der bewusste Wunsch, einem anderen zu schaden, um selbst Vorteile daraus zu ziehen, und sei es nackter Hass, ist schier unerträglich.

Das Böse wirklich zu erkennen, bedeutet mit reinen Augen in den Abgrund zu schauen. Um den Blick nicht abzuwenden, müssen wir Demut lernen.

Ja, wir sollen den Blick von unserem Todfeind nicht abwenden. Seine bösen Taten sollten wir nicht ständig studieren. Es ist sicher nicht gut, wenn wir in seinen Abgrund schauen, sonst schaut sein Abgrund in uns, dann nämlich, wenn wir beim Ekel bleiben und nicht anfangen ihn zu lieben.

Wir lieben dann unseren Feind, wenn wir ernstlich ihm Gutes wünschen und für ihn beten. Warme Gefühle der Liebe müssen nicht sein, wenn uns klar ist, dass wir letztlich Frieden mit ihm wollen und keinen Krieg.

Damit wir also unseren Feind mit der Liebe Christi lieben, müssen wir ihm vergeben, wie uns selbst Jesus vergeben hat.

Meine Lieblingsheilige Faustina Kowalska schreibt in ihrem ‚Tagebuch‘: „Demut [ist] lediglich Wahrheit“(Paragraf 1503)

Feindesliebe ist ein starkes Stück, das wir nur dann leben können, wenn wir uns im Spiegel Gottes erfahren und unsere eigene Sünde erkennen.

Demut wiederum ist die Erkenntnis unserer eigenen Unfähigkeit, unsere Feinde zu lieben, denn gerade dieses Hauptstück unseres Glaubens ist nur durch die Liebe Gottes möglich.

Wir müssen also im Glauben mit der Liebe Gottes unseren Feind lieben. Und das können wir nur, wenn wir vorher unsere Schwäche, ja Unfähigkeit dazu, Gott geopfert haben – am besten im Beichtstuhl.

Wenn uns unser Feind wirklich hasst, entehrt es uns bis ins Mark. Unser Feind will uns nicht, gar nichts von uns.

Diesen geistlichen Kampf aufnehmen, heißt den Hauptverbündeten in unserem geistlichen Kampf zu suchen: Jesus Christus.

Gehen wir zu IHM in den Beichtstuhl und machen unseren Kampf vor dem Himmelreich Gottes öffentlich.

Unser Todfeind zerrt uns mit falschen Anschuldigungen in den Dreck, dann zerren wir uns mit der reinen geistlichen Wahrheit unserer echten Unfähigkeit vor den Richterstuhl Gottes.

Ich möchte behaupten, dass alle Christen, die wirklich in großer Bedrängnis leben, wie zum Beispiel einer ständigen Verfolgung mit Todesdrohung, in die Offensive gehen sollten, nämlich in den geistlichen Kampf.

Wenn unsere Todfeinde meinen, etwas gegen uns in der Hand zu haben, dann suchen wir die milde Hand unseres Heilandes – für uns selbst und für unseren Feind!

  1. Gutes Gewissen behalten: geistliche Immunität

Manchmal ist es nicht so einfach, im geistlichen Kampf zu bestehen. Es können Kleinigkeiten sein, die uns manchmal zu schaffen machen.

Bei mir ist es zum Beispiel an Mangel an Freundlichkeit, z.B. ‚Guten Tag‘ zu sagen. Wer die Todeszone betritt, möchte niemanden gerne ‚Guten Tag‘ sagen. Wenn wir uns aber nicht überwinden und den äußeren Takt wagen, dann haben wir eigentlich verloren.

Und zwar deshalb haben wir dann verloren, weil wir Unrecht mit Unrecht heimzahlen. Somit begeben wir uns auf den gleichen schiefen Weg wie die Todsünder um uns.

Versuchen wir mit kleinen Zeichen im Alltag zu punkten: eine Aufmerksamkeit hier, eine Freundlichkeit dort.

Es geht nicht darum, Wunder zu wirken und eine falsche Hoffnung zu kultivieren, sondern darum, uns vom Hass der Feinde nicht anstecken zu lassen.

Indem wir verhindern, dass die Bitterkeit ins Kraut wuchert, nehmen wir beherzt die Heckenschere und demütigen wir uns durch etwas, was unsere Feinde wohl als Schwäche auslegen, aber was uns in Wahrheit daran hindert, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Einmal habe ich ein Gartenhäuslein für nahe Verwandte geschrubbt: weil die Inhaber nichts Gutes im Schilde führten und mir schweren Schaden zufügten, habe ich mich daran erinnert, dass ich dort noch nie geputzt hatte. So habe ich einerseits meine vergangene Schuld abgetragen und andererseits mich vor Hass bewahrt, indem ich mich daran erinnerte, wie viel Gutes ich im Garten erfahren hatte.

Wem die schlimmen Gedanken an das Böse zu bedrängend sind, der tue einfach etwas Gutes, um einen Ausgleich zu machen.

Wir kennen das beim körperlichen Schmerz: wer sich aus Versehen den kleinen Zeh stieß, muss plötzlichen Schmerz ertragen, der unabänderlich ist. Wer dann die innerliche Kraft hat, nicht vor Wut laut aufzuschreien, der kann z.B. in seine Hand beißen, um eine Art Gegenschmerz zu erzeugen, der wenigstens in unserer eigenen Macht liegt.

Natürlich sind gute Werke besser als sich selbst Verletzungen zuzufügen.

  1. Heilige sind gute Vorbilder

Wer das Evangelium von Jesus Christus genau liest, weiß: seine Geschichte findet sich bei jedem einzelnen Christen unzählige Male wieder.

Unser christliches Grundgesetz, unsere Feinde zu lieben, führt manchmal zur schwersten denkbaren Folge, nämlich dem Märtyrertod.

Das war bei Jesus so, das ist heute nicht anders.

Suchen wir uns gute Vorbilder für unsere Zeit. Meine Lieblingsheilige ist die Schwester Faustina Kowalska, die 1938 starb und uns ein gut geschriebenes Tagebuch hinterlassen hat, indem sie all die Schwierigkeiten und Drangsale ihres Ordenslebens beschrieben hat.[1]

Wir müssen unseren christlichen Vorbildern nicht 100% nacheifern, sondern sie als Sterne in größter Dunkelheit sehen, die uns immer wieder darin bestärken, den Himmel zu erreichen.

Denn eines ist ja klar: wenn wir nicht lernen, wie wir unseren Feinden vergeben können, wird uns unser himmlischer Vater nicht vergeben.

[1] Vgl. Maria Faustyna Kowalska – Wikipedia (abgerufen am 25.2.23).

2 Gedanken zu “Von der Feindesliebe

  1. Das ist ein so wichtiger Punkt, in dem ich wieder und wieder mich verstrickt finde und auch versage. Ich versuche es mit der Entwicklung des Wunsches dass jeder frei von Schmerz und Sünde wird, durch das Gebet das man einander trotzdem zuspricht. Aber in der Welt ist es trotzdem so dass ich den Feind nicht leiden kann und mich ferne halte.

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    1. Ja, wenn wir füreinander von Herzen beten, dann ist es schon viel. Meine Lieblingsheilige Schwester Faustina meint, dass es nicht unbedingt sein muss, dass wir Liebe als Gefühl empfinden, sondern Liebe als Willensakt sich in Taten, z.B. einem Gebet, ausdrücken kann.

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