Von der Feindesliebe

Liebet eure Feinde

Berlin, 20.Juni 2026

  1. Einführung

Wir Christen denken allzu oft, dass die Feindesliebe ein überflüssiger Luxus ist, der auch ausgelassen werden kann – so wie es ausreicht, Wasser ohne oder mit Geschmack zu trinken, so z.B. Tee, Kaffee oder Limonade, aber Champagner muss es nun wirklich nicht sein.

Der Aufruf Jesu an uns, unsere Feinde zu lieben, bezieht sich überraschenderweise auf unseren Alltag und nicht auf besondere Lebensumstände, z.B. das Martyrium, also den Tod für Jesus als Glaubenszeuge (Märtyrer).

Unsere christliche Feindesliebe begründet sich von der Erschaffung der Welt her, sie ist rein schöpfungstheologisch zu sehen.

Von daher ist sie nicht das Sahnehäubchen auf der Schwarzwälder Kirschtorte, sondern die Butter auf unserem täglichen Brot.

  • Jesu Wort in der Bergpredigt

In der Magna Charta des Christentums, in der Bergpredigt, sagt unser Meister glasklar: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!“ (Mt 5, 44b-48: ἀγαπᾶτε τοὺς ἐχθροὺς ὑμῶν καὶ προσεύχεσθε ὑπὲρ τῶν διωκόντων ὑμᾶς, ὅπως γένησθε υἱοὶ τοῦ πατρὸς ὑμῶν τοῦ ἐν οὐρανοῖς, ὅτι τὸν ἥλιον αὐτοῦ ἀνατέλλει ἐπὶ πονηροὺς καὶ ἀγαθοὺς καὶ βρέχει ἐπὶ δικαίους καὶ ἀδίκους. ἐὰν γὰρ ἀγαπήσητε τοὺς ἀγαπῶντας ὑμᾶς, τίνα μισθὸν ἔχετε; οὐχὶ καὶ οἱ τελῶναι τὸ αὐτὸ ποιοῦσιν; καὶ ἐὰν ἀσπάσησθε τοὺς ἀδελφοὺς ὑμῶν μόνον, τί περισσὸν ποιεῖτε; οὐχὶ καὶ οἱ ἐθνικοὶ τὸ αὐτὸ ποιοῦσιν; ἔσεσθε οὖν ὑμεῖς τέλειοι ὡς ὁ πατὴρ ὑμῶν ὁ οὐράνιος τέλειός ἐστιν.)

Weil alle Menschen auf Gottes Erde letztlich Kinder Gottes sind von Adam und Eva an, umfasst Seine Liebe alle Menschen.

Es kann nicht anders sein, denn jeder Christ zählte ebenfalls zu den „Bösen“(πονηροὺς) und zu denen, die als „Ungerechte“ (ἀδίκους) von Gott eingeschätzt werden – jedenfalls bis zu unserer Bekehrung.

Das Grundgesetz im Reich Gottes, die Feindesliebe, begegnet uns letztlich genau dort wieder, wo wir es selten wirklich ernst nehmen: im Vaterunser.

Wir beten in dem Gebet, das Jesus uns lehrte: „Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben!“ (Mt 6,12: καὶ ἄφες ἡμῖν τὰ ὀφειλήματα ἡμῶν, ὡς καὶ ἡμεῖς ἀφήκαμεν τοῖς ὀφειλέταις ἡμῶν)

Wir können uns zu Gott nur bekehren, weil Gott sich zu uns kehrt: Er kommt durch Seine aufhelfende Gnade uns zuvor (gratia adiuvans et praeveniens). Letztlich hat uns Gott zuerst geliebt, damit wir wieder lieben können. Dabei hilft uns nicht nur der Heilige Geist mit innerer Erleuchtung, sondern ebenfalls Gott in mancherlei Lebensführung, z.B. durch gute Freunde, gute Bücher und sonstige Gelegenheiten des natürlichen Lebens.

Diese gnadenhafte Begleitung braucht jeder Christ jeden Tag – gerade auch nach seiner Bekehrung, denn der Böse, der Teufel, ruht gerade dann nicht, wenn wir ihm den Kampf ansagen; nein, der Teufel nimmt die Herausforderung an und wir brauchen den mannigfaltigen Schutz Gottes.

Wenn wir Christen von Gott geliebt werden wollen und Christen bleiben wollen, brauchen wir einen Gott, der uns unsere weiterhin vorhandene und gelebte Bosheit verzeiht.

Sicher, wenn wir gute Christen sind, regelmäßig beichten und das Brot der Engel gespendet bekommen, können wir in der Gnade Gottes bleiben.

Sicher, wahrscheinlich schaffen wir es, nur lässlich zu sündigen und nicht ganz aus der Gnade durch die Todsünde herauszufallen.

  • Gleichheit vor Gott

Am besten können wir uns diesen Gedanken so vorstellen: alle Menschen sind zu einem großen Fest eingeladen und die Festtafel ist reich gedeckt; das ist die Schöpfung. Der Reichtum der Welt kommt von dem, der den Reichtum erschaffen hat.

Die Christen sind nun ganz einfach diejenigen, die Gott die Ehre geben und Ihm für die Schöpfung, Seine Festtafel, danken.

Die Christen sind allerdings zugleich diejenigen, die sich an ihre eigene böse Vergangenheit erinnern, nämlich daran, wie sie als Egoisten mit ihrem Ellenbogen dafür gesorgt haben, sich die besten Sahnestücke von der Festtafel unter den Nagel gerissen zu haben.

Und deshalb haben sie Erbarmen mit den unkultivierten und verbrecherischen Gottlosen, denn sie wissen: ich war auch einmal ganz genauso!

Die Gottlosen wiederum sind diejenigen, die den Weg der Umkehr nicht erkennen und sich alles Gute selbst zuschreiben. Sie kennen kein Gesetz, sondern sind sich selbst Gesetz, denn sie kennen nur ihr Ego.

Sie frage nicht nach dem Gestern und Morgen, sondern leben allein im Heute des Sausundbraus.

  • Theologische Folgerung

Bei dem Gebot der Feindesliebe geht es nicht um ein Luxusgebot für Ausnahmechristen, sondern um das alltägliche Leben als begnadigter Sünder unter vielen unbegnadigten Sündern.

Wenn wir Christen davon absehen, einmal selbst ein noch nicht begnadigter Sünder zu sein, die Zeit also vor unserer Bekehrung, müssen wir die Liebe Gottes zu uns uns selbst zu schreiben.

So wie es der heuchlerische Pharisäer tut, der meint, Gott mit so genannten guten Werken bestechen zu können: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort.“ (Lk 18,11b: ὁ θεός, εὐχαριστῶ σοι ὅτι οὐκ εἰμὶ ὥσπερ οἱ λοιποὶ τῶν ἀνθρώπων, ἅρπαγες, ἄδικοι, μοιχοί, ἢ καὶ ὡς οὗτος ὁ τελώνης·)

Wenn wir das Gebot der Feindesliebe nicht leben, sind wir Heuchler, denn die Erde gehört allen Kindern Gottes.

Wir waren selbst einmal Feinde Gottes und sich durch unsere Bekehrung zu Freunden Gottes geworden: „Da wir mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Gottes Feinde waren, werden wir erst recht, nachdem wir versöhnt sind, gerettet werden durch sein Leben.“(Röm 5,10: εἰ γὰρ ἐχθροὶ ὄντες κατηλλάγημεν τῷ θεῷ διὰ τοῦ θανάτου τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ, πολλῷ μᾶλλον καταλλαγέντες σωθησόμεθα ἐν τῇ ζωῇ αὐτοῦ·)

Wer also seinen Feind hasst, hasst sich letztlich selbst und versteht die Tiefe seiner eigenen sündhaften Verstrickung in die Welt nicht.

  • Gnadenordnung

So wie es der Heilige Thomas in seinem ersten Teilband der zweiundzwanzig bändigen Summa Theologia sagt: gratia non tollit, sed perfecit naturam.

Die Gnade Gottes vernichtet nicht die Natur, sondern vervollkommnet sie.

Die Feindesliebe ist so gesehen niemals das Sahnehäubchen für Edelchristen, sondern unser Alltagsbrot.

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